14. August 2026 | Magazin: ,

Was gewinnen wir mit generativer KI – und was verlieren wir? Emerging Tech Fellow Dr. Christiaan Maasdorp im Interview

KI-Sprachmodelle eröffnen Universitäten neue Möglichkeiten. Spannend ist jedoch, wie wir sie für Lernen und Lehre einsetzen können, ohne dass sie unsere eigenen Fähigkeiten ersetzen. Genau damit beschäftigt sich Dr. Christiaan Maasdorp während seinem Emerging Tech Fellowship an der Technischen Universität Braunschweig. Noch bis Ende August ist der Wissenschaftler von der Stellenbosch Universität in Südafrika zu Gast am Institut für Informationssysteme und am Institut für Wirtschaftsinformatik.

An der TU Braunschweig erforscht Emerging Tech Fellow Dr. Christiaan Maasdorp, wie generative KI das Lernen und die Lehre verändert. Bildnachweis: Kim Sölter/Projekthaus, TU Braunschweig.

Die zentrale Frage, der Sie während Ihrem Fellowship nachgehen, ist: „Wann hilft uns Technologie, empowert uns und verbessert unsere Fähigkeiten? Und wann nimmt sie uns diese gerade wieder?“ Wie sieht Ihre Antwort darauf aus?

Technologie unterstützt uns, wenn wir genau wissen, was wir tun und warum. Sie verspricht, uns mühsame Aufgaben abzunehmen und uns so mehr Zeit für die wichtigen Dinge zu verschaffen. Ein Blick auf ältere Technologien macht jedoch deutlich, dass diese gewonnene Bequemlichkeit die Bedeutung dessen verändern kann, was wir eigentlich tun.

Wenn wir beispielsweise auf Fertiggerichte zurückgreifen, anstatt selbst zu kochen, sparen wir viel Zeit – vorausgesetzt, es geht uns nur um eine schnelle Mahlzeit. Steht jedoch das Kochen selbst im Mittelpunkt, können Fertiggerichte das nie wirklich zufriedenstellend ersetzen. Küchengeräte hingegen unterstützen unsere Fähigkeiten und Anstrengungen, anstatt sie zu ersetzen. Vor diesem Hintergrund lohnt es sich, zu hinterfragen, ob uns eine Technologie unterstützt oder ersetzt.

Im Hinblick auf LLMs bedeutet das zum Beispiel: Wenn wir versuchen, etwas zu lernen oder unser Verständnis zu erweitern, sabotieren wir uns selbst, wenn wir „da draußen“ nach den richtigen Antworten suchen – egal ob bei ChatGPT, Google oder einem Freund. Besser ist es, selbst eine Antwort zu entwickeln.

Bei persönlich wichtigen Themen sollten wir auch bedenken, welche unbeabsichtigten Folgen der Technikeinsatz haben kann. So ist es beispielsweise kontraproduktiv, Nachrichten an geliebte Menschen mit LLMs zu verfassen: Wir verlernen, unsere Gefühle zu erkennen und auszudrücken, und erschweren es anderen, wirklich zu verstehen, wie wir uns fühlen. Das zeigt, wie wichtig es ist, dass wir uns selbst darüber im Klaren sind, wofür und warum wir Technologie einsetzen.

Wie können Studierende und Forschende LLMs sinnvoll und verantwortungsvoll nutzen?

Zuerst selbst formulieren, dann ein LLM hinzuziehen – so stellen Sie sicher, dass Ihre Ausgangsidee fest in Ihrem eigenen Verständnishorizont verankert bleibt. Das hindert Sie nicht daran, den Blickwinkel anschließend zu erweitern. Sinn entsteht, wenn Bekanntes mit Neuem oder Überraschendem verbunden wird. Langfristig vergrößern wir so unseren Horizont stetig.

Anders verhält es sich, wenn Sie ein LLM nutzen, um Mehrdeutigkeiten zu klären, statt um Informationen zu sammeln. Zwar wirkt eine automatisch generierte Antwort zunächst erhellend, doch oft bleibt es aber ein Scheinverständnis. Denn eine abgerufene Lösung garantiert nicht, dass wir wirklich nachvollziehen, was sie für uns bedeutet.

Während Ihres Fellowships haben Sie Workshops und Veranstaltungen für Studierende und Forschende organisiert. Was hat die Teilnehmenden besonders überrascht oder inspiriert?

Mit Hilfe meiner Gastgeber*innen habe ich zwei Veranstaltungen organisiert: einen Workshop für Bachelorstudierende der Wirtschaftsinformatik und eine Diskussionsrunde für Doktorand*innen verschiedener Fachrichtungen. Während sich der Workshop dem Thema „Lernen mit LLMs“ widmete, befasste sich die Diskussionsrunde mit den Herausforderungen, die LLMs für Lehre und Betreuung mit sich bringen.

Die Diskussionsrunde brachte nicht nur die Doktorand*innen auf neue Ideen zum Einsatz von LLMs in der Lehre. Bildnachweis: Kim Sölter/Projekthaus, TU Braunschweig.

In dem Workshop besprachen wir, in welchen Szenarien LLMs tatsächlich beim Lernen helfen und in welchen sie dazu beitragen, dass Lernen umgangen wird. In einer Übung konnten die Studierenden selbst einordnen, wie hilfreich sie den Einsatz von LLMs in verschiedenen Situationen finden. Manchmal kamen Teilnehmende aus ganz unterschiedlichen Gründen zu ähnlichen Urteilen – das überraschte nicht nur sie, sondern auch mich. Wir kamen zu dem Schluss, dass es beim Einsatz von LLMs für das Lernen viele Grauzonen gibt.

In der Veranstaltung mit den Doktorand*innen kamen wir zu dem Schluss, dass LLMs Lehre und Betreuung nicht grundsätzlich untergraben. Effektives Lernen erfordert jedoch eine intensive und individuelle Begleitung, die sich bei einer großen Zahl von Studierenden nur schwer umsetzen lässt.

Wie geht die Zusammenarbeit mit Ihren Gastgeber*innen Professor Balke und Professorin Robra-Bissantz im Anschluss an die Fellowship weiter?

Ich stehe seit vielen Jahren in engem Austausch mit Professor Balke. Er hat mich auch Professorin Robra-Bissantz vorgestellt, die mich im Rahmen dieses Fellowships mitbetreut. Während die meisten Dozierenden LLMs als Bedrohung betrachten, sieht sie darin spannende Möglichkeiten, unsere Lehre neu zu beleben. Diese positive Haltung unterstütze ich voll und ganz. Gemeinsam erarbeiten wir Ansätze, wie sich unsere Kurse vor dem Hintergrund von LLMs verbessern lassen. In interkulturellen Forschungsprojekten wollen wir diese Innovationen zwischen Deutschland und Südafrika vergleichen.

Während seinem Fellowship wird Dr. Christiaan Maasdorp von Professor Wolf-Tilo Balke und Professorin Susanne Robra-Bissantz betreut. Bildnachweis: Kim Sölter/Projekthaus, TU Braunschweig.

Dank eines „Memorandum of Understanding“ unserer Universitäten ermöglichte uns Professor Balke eine Zusammenarbeit über unsere persönlichen Netzwerke hinaus. In diesem Jahr haben wir in Stellenbosch ein gemeinsames Kolloquium für Wissenschaftler*innen aus der Informatik und der Wirtschaftsinformatik organisiert. Nächstes Jahr werde ich dort über die Ergebnisse dieses Forschungsaufenthalts berichten.

Was nehmen Sie von der TU Braunschweig mit nach Stellenbosch? Nicht nur fachlich, sondern auch persönlich?

Das ist mein erster längerer Aufenthalt in Braunschweig und mir gefallen der Lebensstil und die Nähe zur Natur hier sehr gut. Was ich zu Hause umsetzen möchte, ist der ausgewogene Wochenendrhythmus der meisten Braunschweiger*innen: Ausflüge am Samstag und ruhige Sonntage.

Die Kolleg*innen beider Institute haben mich in einem Maße aufgenommen, das ich nicht erwartet hatte. Zunächst machte ich mir Sorgen, dass die Menschen das Thema LLMs vielleicht schon satt haben könnten, aber dem war nicht so – das motiviert mich beruflich sehr. Auf persönlicher Ebene konnte ich bestehende Freundschaften vertiefen und neue Freund*innen gewinnen.

Am 27. August halten Sie einen Vortrag zum Thema „The Seamlessness of Technology and the Friction we need”. Was erwartet die Teilnehmenden?

Um dem Vortrag zu folgen, braucht es kein Vorwissen, außer Englischkenntnisse. Ansonsten genügt es, neugierig auf Wissen und Technologie zu sein.

Mit dem Wort „Nahtlosigkeit“ („Seamlessness“) spiele ich auf die technologische Beschleunigung an, die unser soziales Leben zunehmend „glättet“. Angesichts generativer KI wird nun in vielen Bereichen – von der Mensch-Computer-Interaktion bis hin zur breiteren Kulturkritik – argumentiert, dass wir die Reibung („Friction“), die wir verloren haben, wiederherstellen müssen. Ich werde zeigen, dass die verschiedenen Argumente nicht ausreichend berücksichtigen, worauf es wirklich ankommt, wenn wir große Sprachmodelle (LLMs) nutzen, um etwas zu verstehen oder zu lernen. Dabei stütze ich mich auf eine philosophische Tradition, die sich mit der Frage beschäftigt, wie Verstehen entsteht.

Im Anschluss laden wir zu einem World Café ein: Hier können die Teilnehmenden die drängendsten Fragen zu LLMs und Lernen diskutieren. Gemeinsam wollen wir erkunden, welche Forschungsschwerpunkte dafür in Zukunft möglich und notwendig sind.