22. September 2026 | Presseinformationen:

Synagogen besser schützen Forschungsprojekt will Sicherheit von Gebäuden und Menschen stärken

Ob in Halle an der Saale, Lübeck, Ulm, Oldenburg und zuletzt Wuppertal – Angriffe auf Synagogen und jüdische Gemeindezentren finden leider wieder vermehrt in Deutschland statt. Synagogen repräsentieren jüdische Gemeinden und als Symbole jüdischen Lebens werden sie immer wieder Ziel antisemitischer Angriffe. Wie kann man die Gebäude, vor allem aber ihre Besucher*innen und Nutzer*innen schützen? Diese Fragen werden im Verbundforschungsprojekt „Hiding in plain sight – Sichtbare Architektur und unsichere Juden“ unter Koordination der Technischen Universität Braunschweig aus der Sicht von Architektur, jüdischen Gemeinden und Polizei erforscht.

Laut dem kürzlich vom Zentralrat der Juden in Deutschland veröffentlichten „Lagebild der jüdischen Gemeinden in Deutschland 2026“ sind 45 Prozent der befragten jüdischen Gemeinden von antisemitischen Angriffen betroffen. Das interdisziplinäre Forschungsteam wird die relevanten Aspekte für die subjektive und objektive Sicherheit – die Architektur, das Sicherheitsempfinden der Gemeinde sowie den Objektschutz durch die Polizei – analysieren.

Schutz als gesellschaftliche Aufgabe

„Seit Jahrhunderten sind Synagogen Ziel antijüdischer und antisemitischer Gewalt. Ein Angriff auf das Gebäude, in dem sich Jüdinnen und Juden versammeln, trifft die Menschen unmittelbar und entzieht ihnen, nicht nur symbolisch, die Möglichkeit zu einem sicheren Leben und einer freien Religionsausübung,“ erklärt PD Dr.-Ing. Ulrich Knufinke, Verbundkoordinator des Projekts und wissenschaftlicher Leiter der Bet Tfila – Forschungsstelle für jüdische Architektur in Europa an der TU Braunschweig. „Diese Orte zu schützen, muss also eine allgemeine gesellschaftliche Aufgabe sein.“ Ziel des Projektes ist es daher, Synagogen unter dem Aspekt der Sicherheit zu betrachten und dabei alle relevanten Akteur*innen zusammenzuführen.

„Polizei hat eine Garantenstellung zur Gewährleistung von Sicherheit und ist maßgeblich für den Schutz von Menschenrechten in der Gesellschaft zuständig“, sagt Sarah Jadwiga Jahn von der Hochschule für Polizei und öffentliche Verwaltung Nordrhein-Westfalen (HSPV). „Polizeilicher Objektschutz vor Synagogen ist deshalb mehr als eine Präventionsmaßnahme. Er ist zentral für das Sicherheitsempfinden von Jüdinnen und Juden und steht für den Schutz unserer Demokratie“, so Jahn weiter.

Antisemitismus in allen Bereichen des Lebens

Nicht zuletzt sind es Jüdinnen und Juden, die sich sicher fühlen sollen, zumal Synagogen und Gemeindezentren zentral für die sozialen Aspekte des Gemeindelebens sind. Die Erfahrung, so Dani Kranz, Forschungskoordinatorin des Tikvah Instituts und Vorsitzende von Präsenzen – Netzwerk jüdische Gegenwartsforschung e. V., hat gezeigt, dass „Jüdinnen und Juden in allen Bereichen ihres Lebens mit Antisemitismus konfrontiert werden. Gerade Synagogen müssen deshalb ein Ort sein, an dem sie sich sicher fühlen können. Hierfür muss man sie verstehen und auch ihre Bedarfe an Gebäude, Personen- und Objektschützer*innen.“

Ziel der Forschung ist die Stärkung der Sicherheit auf mehreren Ebenen durch bessere Abstimmung sowie mehr Wissen und Verständnis, denn viele Aspekte sind bei der Sicherheit von Synagogen relevant: die Architektur des Gebäudes, Abläufe in jüdischen Gemeinden und wenn vorhanden ihrer Sicherheitsdienste, der Objektschutz durch die Polizei und nicht zuletzt die öffentliche Aufmerksamkeit. Die Projektpartner wollen gemeinsame Workshops mit den Zielgruppen durchführen und Handreichungen für Architekt*innen sowie die Polizeipraxis und -bildung entwickeln und jüdische Gemeinden für polizeiliche und architektonische Verständnisse von Sicherheit sensibilisieren, damit Synagogen auch in Zukunft ein Safe Space sein werden.

Projektdaten

Das auf drei Jahre angelegte Projekt „Hiding in plain sight – Sichtbare Architektur und unsichere Juden“ wird vom Bundesministerium für Forschung, Technologie und Raumfahrt (BMFTR) im Rahmen der Förderrichtlinie „Ursachen und Dynamiken des aktuellen Antisemitismus“ gefördert und ist Teil des Forschungsnetzwerks Antisemitismus im 21. Jahrhundert FoNA21. Im Vorhaben arbeiten die Bet Tfila – Forschungsstelle für jüdische Architektur in Europa an der Technischen Universität Braunschweig, die Hochschule für Polizei und öffentliche Verwaltung Nordrhein-Westfalen (HSPV) und das Tikvah Institut gUG in Kooperation mit Präsenzen – Netzwerk jüdische Gegenwartsforschung e.V.  zusammen.