Zukunft neu erzählen Aylin Dilek Walder über „Speculative Cultures“
Fantasy und Science-Fiction gelten oft als reine Unterhaltungsliteratur. Doch sie sind weit mehr als das. „Speculative Fiction“ schafft Denk- und Experimentierräume, in denen sich gesellschaftliche Herausforderungen neu betrachten lassen. Mit ihrer Workshopreihe zu „Speculative Cultures“ bringt Aylin Dilek Walder vom Institut für Anglistik und Amerikanistik Forschende aus unterschiedlichen Disziplinen zusammen, um genau diese Potenziale zu diskutieren. Im Interview mit Bianca Loschinsky spricht sie über literarische Zukunftsentwürfe und warum fantastische Geschichten erstaunlich viel über unsere Gegenwart erzählen.

Aylin Dilek Walder vom Institut für Anglistik und Amerikanistik. Bildnachweis: Gebhard/TU Braunschweig
Frau Walder, was verbirgt sich hinter „Speculative Cultures“?
In meinem Promotionsprojekt beschäftige ich mich mit Speculative Fiction – ein Begriff, für den es verschiedene Definitionen gibt. Einige verstehen den Begriff als Synonym für Science-Fiction, ich fasse ihn weiter. Dadurch stehen die Grenzen zwischen verschiedenen Genres nicht mehr im Fokus und Fantasy, Science-Fiction, Horror, Gothic oder Afrofuturismus können gemeinsam betrachtet werden.
Mit den Workshops zu „Speculative Cultures“ möchte ich ein Netzwerk aufbauen, das Forschende zusammenbringt, die solche spekulativen Werke als wichtige Informationsquellen verstehen. Mich interessiert insbesondere, wie spekulative Erzählungen Zukunftsentwürfe entwickeln und durch die gedankliche Weiterführung unserer heutigen Gesellschaft Möglichkeiten für eine gerechtere Zukunft aufzeigen. Der Begriff „Cultures“ umfasst Literatur ebenso wie Musik, Theater, Film und Games. Er eröffnet so die Möglichkeit, ganz unterschiedliche kulturelle Ausdrucksformen gemeinsam zu betrachten.
Welche Autor*innen stehen besonders im Mittelpunkt Ihrer Forschung?
In meiner Forschung geht es um die Verhandlung von Identität sowie die Materialität von Identität in Speculative Fiction. Ein zentrales Werk ist die Trilogie „The Broken Earth“ von N.K. Jemisin. Die Romane verbinden Elemente von Fantasy und Science-Fiction und behandeln Themen wie Kolonialismus, Unterdrückung, Identität und den Umgang des Menschen mit der Natur in einer postapokalyptischen Gesellschaft.
In Jemisins Welt wird der Planet selbst zu einer handelnden Figur, die auf die Ausbeutung durch den Menschen reagiert. Solche Geschichten liefern keine direkten Lösungen für reale Probleme. Sie eröffnen aber Denk- und Erfahrungsräume, in denen wir unser eigenes Verhältnis zur Umwelt und zu anderen Menschen neu reflektieren können. Andere Autor*innen sind Indrapamit Das, Premee Mohamed und Tin Makereti.
Viele der Themen wirken erstaunlich aktuell. Warum ist Speculative Fiction gerade heute gesellschaftlich relevant?
Weil viele aktuelle Krisen so komplex sind, bleiben sie schwer vorstellbar. Spekulative Erzählungen setzen genau hier an. Sie spielen ein „Was wäre, wenn?“ durch und führen heutige Entwicklungen konsequent weiter. Dadurch werden Strukturen sichtbar, die im Alltag oft unsichtbar bleiben. Prognosen sind das nicht, aber sie schärfen den Blick dafür, wie wir leben beziehungsweise leben wollen. Dass diese Werke häufig als reine Unterhaltung gelten, greift deshalb zu kurz.
Weshalb begeistern sich vor allem junge Menschen so sehr für Fantasy und Science-Fiction?
Ich glaube, dass ihre Leseinteressen vielfältiger sind als häufig angenommen wird. In meinen Seminaren bringen Studierende zwar Bücher wie „The Hunger Games“ oder „Dune“ mit, gleichzeitig aber auch Werke von Shakespeare, Virginia Woolf oder Kafkas „Die Verwandlung“.
Fantasy und Science-Fiction sollte man nicht als bloße Flucht aus der Realität und als „Leisure Readings“ abtun. Wie bereits gesagt, setzen sich viele der Geschichten mit Themen wie Kolonialismus, Rassismus, Klimakrise oder andere Formen gesellschaftlicher Ausgrenzung auseinander. Spekulative Welten laden dazu ein, sich Dinge anders vorzustellen. Das spricht vermutlich besonders Menschen an, die sich fragen, in welcher Welt sie leben möchten.
Welche Erkenntnisse lassen sich aus Speculative Fiction gewinnen?
Viele Werke helfen dabei, bestehende Ungerechtigkeiten sichtbar zu machen und darüber nachzudenken, wie Gesellschaft gerechter gestaltet werden kann.
Ein spannender Vortrag beim Workshop im Februar kam beispielsweise von Andrew Erickson von der TU Dresden. Er zeigte, dass die Vorstellung einer zukünftigen Apokalypse sehr stark von der eigenen gesellschaftlichen Perspektive abhängt. Für viele Menschen, deren Vorfahren versklavt wurden oder die bis heute Diskriminierung erfahren, ist die Apokalypse keine Zukunftsvision – sie erleben ihre Gegenwart bereits als eine apokalyptische Welt. Solche Perspektiven machen deutlich, dass wir gesellschaftliche Ungleichheiten zunächst erkennen und benennen müssen, bevor wir sie überwinden können. Spekulative Texte können dafür einen Raum öffnen.
Auch im Bereich Stadtentwicklung gibt es interessante Denkanstöße. Statt Natur und Stadt als Gegensätze zu verstehen, wird zunehmend darüber nachgedacht, wie beide zusammengehören. Begrünte Dächer, mehr Lebensraum für Tiere oder klimaangepasste Stadtplanung sind Beispiele dafür, dass sich solche Ideen längst nicht mehr nur in der Literatur finden, sondern auch in realen Projekten umgesetzt werden. Unter anderem auch in Forschungsprojekten auf dem Campus, wie wir auch am Beispiel des Schilfbeckens am Nordcampus sehen.
Ihre Forschung beschäftigt sich intensiv mit Identität.
Ich gehe davon aus, dass Identität etwas Konstruiertes ist. Wir erzählen uns selbst, wer wir sind und entwickeln dieses Selbstbild ständig weiter, vor allem im Austausch mit anderen Menschen. Wenn Identität konstruiert ist, kann sie auch dekonstruiert werden und ich kann mich neu verstehen.
Viele der Romane, die ich untersuche, zeigen Menschen als Teil eines größeren Ganzen. Sie verdeutlichen, dass wir mit unserer Umwelt verbunden sind und nicht unabhängig von ihr existieren. Aus dieser Perspektive entsteht Klimaschutz nicht nur aus Eigeninteresse, sondern aus einem Verantwortungsgefühl gegenüber einem System, dessen Teil wir selbst sind. Solche Gedanken lassen sich in fantastischen Welten oft viel anschaulicher erzählen.
Am 10. Oktober ist der zweite Workshop geplant. Worum wird es gehen?
Der nächste Workshop trägt den Titel „Speculative Cityscapes“. Dort beschäftigen wir uns damit, wie wir die Stadt verhandeln – als ein Ort, an dem Krisen sehr geballt aufeinandertreffen und sich die Folgen der Klimakrise besonders deutlich zeigen. Gleichzeitig sind sie Räume voller Potenzial, Innovation und neuer Technologien. Gerade in Science-Fiction spielen Städte seit jeher eine zentrale Rolle.
Uns interessiert deshalb, wie zukünftige Städte neu gedacht werden können. Es geht nicht nur um futuristische Hochtechnologie, sondern beispielsweise auch um Green Engineering oder darum, wie Natur wieder stärker in urbane Räume integriert werden kann. Dieses Thema passt auch hervorragend zum Forschungsschwerpunkt „Stadt der Zukunft“.
Die beiden Workshops werden durch den Innovationsfonds der Fakultät für Geistes- und Erziehungswissenschaften unterstützt.
Für mich ist diese Förderung sehr wichtig. Gerade für Wissenschaftler*innen am Beginn ihrer Karriere sind solche Möglichkeiten entscheidend. Besonders freue ich mich darüber, dass aus den Workshops ein interdisziplinäres Netzwerk entsteht. Auch ein Open-Access-Sonderheft ist geplant. Darüber hinaus findet im November bereits ein dritter Workshop statt. Hier geht es dann darum wie die Beziehung zwischen der Klimakrise und Kolonialismus in spekulativen Erzählformen verhandelt wird.