13.03.2017 | Magazin:

Virtuelle Eisenbahnwelten Professor Jörn Pachl kreiert Eisenbahn-Modellszenen

Herr Professor Pachl, Sie sind Leiter des Instituts für Eisenbahnwesen und Verkehrssicherung und begeistern sich auch privat für Eisenbahnmodelle. Das ist doch sicher nicht ungewöhnlich?

Absolut nicht, allerdings hat mein Hobby nur am Rande mit traditioneller Modelleisenbahn zu tun. Ich gestalte Modellszenen im Maßstab 1:120, das entspricht der Modellbahn-Nenngröße TT, die ich fotografiere und mit virtuellen Hintergründen versehe. Die dargestellten Szenen sind fiktiv und spielen in Deutschland, Russland und den USA. Bei den Hintergrundbildern handelt es sich überwiegend um digital bearbeitete Fotografien, entstanden teilweise durch Kombination mehrerer freigestellter Motive. Für einige Szenen verwende ich bearbeitete Screenshots aus Computerspielen. Das endgültige Bild, das die Modellszene mit dem Hintergrund kombiniert, entsteht dann ebenfalls am Computer. Obwohl echte Modelle involviert sind, hat die fertige Szene so nie im Modell existiert, das endgültige Werk ist rein digital. Ich habe auch ein paar richtige Dioramen gebaut, die für Modellaufnahmen genutzt werden. Im Unterschied zu einer nur temporär aufgebauten Szene kann ich damit detaillierter arbeiten.

Wie sind Sie zu diesem ungewöhnlichen Hobby gekommen? Es steckt ja auch viel Begeisterung für die Bildbearbeitung dahinter oder?

Über das Interesse an Eisenbahnmodellen kam ich zunächst zum Bau von traditionellen Dioramen, um Modelle effektvoll in Szene zu setzen. Da ich auch schon immer sehr computer- und internetaffin war, begann ich irgendwann, temporäre Modellarrangements mit virtuellen Szenen zu kombinieren. Meine Intention war es zunächst eigentlich nur mit geringem Aufwand die Wirkung geplanter Modellbauprojekte zu testen. Mit der Verfügbarkeit leistungsfähiger Bildbearbeitungssoftware hat sich das dann verselbstständigt. Ich konnte auf einmal Effekte erzielen, die mit einem rein physischen Modell gar nicht möglich wären.

Virtuelle Eisenbahnwelten
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Eine nordamerikanische Szene, erstellt unter Verwendung eines vom US-Künstler Anthemios aufgenommenen Screenshots aus dem Computerspiel „The Division“. Bildnachweis: Jörn Pachl

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Eine historische Szene in Russland. Der fotografisch erstellte Hintergrund entstand durch Kombination mehrerer, freigestellter Motive, die in Braunschweig aufgenommen wurden. Bildnachweis: Jörn Pachl

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Der Entstehungsprozess eines Bildes auf einem Foto: Links ist das Arrangement zur Aufnahme einer Modellszene auf dem Balkon meiner Wohnung zu sehen, rechts oben das Foto, wie es unbearbeitet aus der Kamera kommt, und rechts unten mein fertig bearbeitetes Endresultat mit einem Hintergrund aus dem Computerspiel „Mad Max“. Bildnachweis: Jörn Pachl

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Der russische Künstlers Inago ließ sich bei dieser Zeichnung von einer Modellaufnahme von Prof. Jörn Pachl inspirieren. Bildnachweis: Inago

Wie viel Arbeitszeit steckt in einer einzigen Modellszene?

Das kann man pauschal gar nicht sagen. So steckt zum Beispiel auch viel Arbeitszeit in einzelnen Gebäudemodellen, die dann für verschiedene Szenen immer wieder verwendet werden. Bei der Fotoaufnahme geht es manchmal recht schnell, manchmal kostet es aber auch viele Versuche, bis Perspektive und Licht endlich stimmen. Der Aufwand zur Bildbearbeitung hängt dann sehr stark davon ab, ob ich bereits ein gut passendes Hintergrundmotiv habe, wo nur noch ein paar farbliche oder perspektivische Anpassungen nötig sind, oder ob ich das Hintergrundbild aus vielen freigestellten Motiven zusammensetzen muss. So sind manche Motive an einem Wochenende entstanden, mit anderen habe ich mich auch sehr lange aufgehalten.

Ist die Erstellung dieser Modellszenen bereits eine eigene Kunstform?

Die Entscheidung, ob es Kunst ist, würde ich den Kollegen von der Kunstwissenschaft überlassen. Durch die Kombination von physischen Modellen mit fotografischen und virtuellen Hintergründen könnte man es vielleicht am ehesten dem Genre „Mixed Media Art“ zuordnen.

Ist das ein völlig einsames Hobby oder gibt es da auch eine Community?

Es gibt international eine kleine Szene von Leuten, die Modellaufnahmen mit fotografischen Hintergründen kombinieren. Die hat sich insbesondere mit den sich in den letzten Jahren rasant verbesserten Möglichkeiten der digitalen Bildbearbeitung entwickelt. Allerdings habe ich noch niemanden gefunden, der so etwas mit Eisenbahnmodellen in einem derart kleinen Maßstab macht.

Auch scheint meine Idee, anstelle von Fotos auch Screenshots aus Computerspielen zu verwenden, bislang wohl einmalig zu sein. Vermutlich bin ich da tatsächlich der Erste. Es gibt zwar eine wachsende Szene von In-Game-Fotografen, die arbeiten aber rein digital. Einige meiner Bilder entstanden in Kooperation mit dem US-amerikanischen Künstler Anthemios, der für seine In-Game-Fotos bekannt ist. Er stellte mir geeignete, von ihm aufgenommene Screenshots aus Computerspielen zur Verfügung mit der Erlaubnis, sie für meine Motive nachzubearbeiten. Auch mit anderen Künstlern ergeben sich mitunter interessante Projekte. So entstand eine meiner Szenen in freier Anlehnung an ein Gemälde des in der Game-Entwicklung aktiven polnischen Malers Filip Dudek. Und eine meiner Modellszenen inspirierte den in der russischen Dieselpunk-Szene bekannten Künstler Inago zu einer Zeichnung. Abgesehen von solchen Kontakten, die über das Internet zustande kamen, handelt es sich schon um ein eher einsames Hobby.