14. September 2026 | Magazin:

„Unsere Zusammenarbeit ist nicht nur eine nette Geste“ Humboldt-Preisträger Professor Bernard Slippers beginnt seinen Forschungsaufenthalt an der TU Braunschweig

Was vor drei Jahren als binationale Forschungskooperation von Arbeitsgruppen in Braunschweig und Pretoria (Südafrika) begann, hat sich inzwischen zu einem pulsierenden Zentrum der Pilzforschung, zahlreicher interdisziplinärer Projekte und einer dauerhaften Freundschaft entwickelt. Wir haben mit Professor André Fleißner vom Institut für Genetik der TU Braunschweig und dem Humboldt-Forschungspreisträger Professor Bernard Slippers von der Universität Pretoria darüber gesprochen, wie wichtig transdisziplinäre Forschung ist, wie dringend es ist, Forschungslücken zu schließen, und weshalb es unerlässlich ist, den eigenen Horizont zu erweitern.

Professor André Fleissner und Professor Bernard Slippers mit Pilzkulturen, die sie von Fichten entnommen und isoliert haben. Bildnachweis: Kristina Rottig/TU Braunschweig.

Professor Slippers, Professor Fleißner, schön, Sie wiederzusehen. Wir haben uns zuletzt vor drei Jahren gesprochen. Wie hat sich Ihre Zusammenarbeit seitdem entwickelt?

Professor Slippers: Die Zusammenarbeit ist richtig aufgeblüht. Wir hatten zahlreiche Mitarbeitenden- und Studierendenaustausche, haben mehrere Artikel veröffentlicht und erlebt, wie Studierende als direktes Ergebnis dieser Partnerschaft ihren Abschluss gemacht haben. Gleichzeitig gibt es in Deutschland und darüber hinaus viel Schwung rund um das Thema Waldmikrobiome in einer sich wandelnden Welt.

Als ich 2023 hier war, waren wir schon sehr begeistert von den Projekten, an denen wir gemeinsam arbeiteten. Es war ein spannendes Projekt, und das ist es immer noch – es ist einfach immer weiter gewachsen. Die Projekte sind umfassender, es sind mehr Menschen beteiligt, das Konsortium wächst, und die Fragestellungen sind größer und folgenreicher.

Professor Fleißner: Einer der Höhepunkte für mich war der Forschungspreis. Wir haben Bernard für den Alexander-von-Humboldt-Forschungspreis nominiert, und er hat ihn erhalten. Der Preis würdigt nicht nur Bernards Arbeit, sondern ist auch eine großartige Chance für unsere gemeinsame Forschung. Er stärkt unsere Zusammenarbeit und gibt uns die Möglichkeit, in Zukunft auf dieser Arbeit aufzubauen.

Im Labor der Arbeitsgruppe von Professor Fleißner werden unterschiedliche Pilze aus dem Mikrobiom von Fichten extrahiert und in verschiedene Zellkulturen separiert. Bildnachweis: Kristina Rottig/TU Braunschweig.

Professor Slippers: Aus meiner Sicht wird es auch immer wichtiger, dass wir zwischen Südafrika und Deutschland zusammenarbeiten. Das sollte nicht nur als nette Geste betrachtet werden. Es ist notwendig, weil die Probleme des Klimawandels, mit denen wir konfrontiert sind, globale Probleme sind, die wir verstehen müssen. Unsere Zusammenarbeit wirft neue Fragen auf und verschafft Zugang zu Ressourcen, zu denen keine der beiden Einrichtungen allein Zugang hätte. Das ist für unsere systembiologische Arbeit im Zusammenhang mit Mikroben, Wäldern und Gesundheit enorm wichtig.

Professor Fleißner: Auch in Bezug auf künstliche Intelligenz. Sie verändert die Forschung gerade wirklich grundlegend. Bernard hat sich in diesem Jahr richtig darauf gestürzt und erstaunliche Fortschritte gemacht. Sein Fachwissen hilft uns gerade sehr. Am Tag nach seiner Ankunft nahm Bernard einen großen Datensatz von einem meiner Doktoranden, lud ihn in seinen KI-Agenten hoch und schickte mir die Ergebnisse. Es sind Seiten über Seiten, auf denen die KI Muster in diesen Datensätzen findet. Ich war wirklich beeindruckt.

Wird KI ein Schwerpunkt Ihres Forschungsaufenthalts hier an der TU Braunschweig sein?

Professor Slippers: Ja, denn ich glaube, dass Forschung oft in isolierten Silos stattfindet, weil jedes Bereich so komplex ist. Als wir anfingen zusammenzuarbeiten – ich mit meiner ökologisch-landschaftlichen Perspektive und André mit seiner hochspezialisierten Zellforschung –, war es eine große Freude für uns, diese Welten miteinander zu verknüpfen. Künstliche Intelligenz erweitert nun unsere Fähigkeit, vielfältige Datensätze und Konzepte auf eine Weise zu integrieren, wie ich es noch nie zuvor gesehen habe.

Bei der Vorbereitung meines Vortrags für das Symposium „Molekularbiologie der Pilze“ vom 9. bis zum 11. September  habe ich über Alexander von Humboldt nachgedacht. Er war einer der letzten Universalgelehrten, der sich in Bereichen wie Astronomie, Soziologie, Biologie und Geologie bewegte. Er wies darauf hin, dass wir Disziplinen zusammenbringen müssen, um die Probleme anzugehen, mit denen die Welt konfrontiert ist. Seitdem haben wir das genaue Gegenteil getan; wir haben die Disziplinen auseinandergerissen. Das war auch notwendig, da es schlicht zu viele komplexe Informationen gibt. Ich glaube jedoch, dass wir uns jetzt in ein Zeitalter bewegen, in dem wir anfangen können, diese Disziplinen wieder zusammenzuführen und sie auf sinnvolle Weise zu integrieren. Das ist es, was mich an KI so begeistert.

Ihre Forschung scheint in den vergangenen Jahren weltweit ins Rampenlicht gerückt zu sein. Können Sie uns erklären, warum diese Forschung für die Menschen und die Zukunft wichtig ist?

Professor Slippers: Die Wälder sind weltweit in Gefahr, und das ist keine Panikmache. In den letzten Jahren sind wirklich gute Studien erschienen, in denen Forscher eine Metaanalyse aller Daten von den 1950er Jahren bis heute durchgeführt haben. Sie zeigen, dass es in allen bioklimatischen Zonen zu einem dramatischen Anstieg des massiven Waldsterbens kommt. Das betrifft nicht nur Europa. Es betrifft nicht nur die Tropen. Es ist wirklich überall so. Als jemand, der seit fast 30 Jahren im Waldbereich tätig ist, mache ich mir große Sorgen über das, was ich sehe. Das Tempo der Veränderungen ist im Moment wirklich rasant. Eine der Auswirkungen des Klimawandels, die ich erst wirklich begriffen habe, als sie sich direkt vor meinen Augen zeigte, ist, dass sich nicht nur der Durchschnitt verändert, sondern auch die Extremereignisse und die Schwankungen im System. Plötzlich gibt es also einen heißen, trockenen Winter, gefolgt von einem extrem heißen Sommer, und die Pflanzen kommen damit einfach nicht klar. Wir haben es hier mit langfristigen Systemen zu tun. Diese Wälder bestehen seit Jahrzehnten, ja sogar seit Jahrhunderten. Wir sehen diese massiven Auswirkungen und Veränderungen überall.

Pilzkuturen, die zuvor aus dem Mikrobiom von Fichten entnommen wurden, werden im Labor separiert und später in unterschiedlichen Zusammensetzungen als neues Mikrobiom den im Labor gezüchteten Fichtensetzlingen hizugefügt. Dadurch kann man beobachten, wie verschieden Mikrobiomszusammensetzungen mit der Pflanze intzeragieren. Bildnachweis: Kristina Rottig/TU Braunschweig.

Ich empfinde es als dringlich, dass wir als wissenschaftliche Gemeinschaft das optimal nutzen, was wir bereits haben, um aus den vorhandenen Erkenntnissen mögliche Antworten zu finden und konkrete Lücken zu identifizieren, die wir noch schließen müssen – anstatt dies nur ad hoc zu tun. Wir können es nicht hinnehmen, dass hervorragende Wissensgrundlagen über verschiedene Bereiche verstreut sind, ohne dass sie in die Entscheidungsfindung auf politischer und Managementebene darüber einfließen, wie wir mit dieser Krise umgehen werden. Technologisch haben wir alles, was wir brauchen, wie zum Beispiel Sequenzierungstechnologien. Diese sind jedoch zu teuer, um flächendeckend eingesetzt zu werden. Wir müssen diese Technologien so weit entwickeln, dass sie regelmäßig als Point-of-Care-Diagnostik genutzt werden können. Darauf müssen wir uns konzentrieren.

Professor Fleißner: Das Wissen ist vorhanden, wir müssen es nur verknüpfen und das Nützliche daraus extrahieren. Für mich ist das eine wirklich coole Art, Wissenschaft zu betreiben. Als Grundlagenforscher kenne ich die Wissenslücken in der angewandten Forschung nicht. Wir müssen mit Leuten sprechen, die in der angewandten Forschung arbeiten, und konkrete Probleme identifizieren. Bernards Institut, das Forestry and Agricultural Biology Institute (Fabi) in Pretoria ist ein großartiges Beispiel: Dort wird Spitzenforschung mit Vor-Ort-Gesprächen mit Landwirten kombiniert. Durch Bernard erschließen wir uns das einzigartige globale Netzwerk von Fabi.

Professor Fleißner, Sie sind Gastgeber des Symposiums „Molekularbiologie der Pilze“ an der TU Braunschweig. Welche Bedeutung hat das Netzwerks und weshalb ist Braunschweig so ein Hotspot für die Pilzforschung?

Professor Fleißner: Wir haben hier und da bereits einige lokale Symposien abgehalten. Diesmal handelt es sich jedoch um die alle zwei Jahre stattfindende Konferenz zur Pilzgenetik. Traditionell lag der Schwerpunkt dabei eher auf der Grundlagenforschung, mit der auch ich mich beschäftige. Aber diese Community ist in den vergangenen Jahren immer kleiner geworden. Doch jetzt melden sich viel mehr Leute an. Das liegt unter anderem daran,  dass mehr Wissenschaftler*innen, die sich für Bernards Forschung interessieren, zu uns stoßen. Ich freue mich, dass wir das Themenspektrum erweitert haben und dass wir auch Vorträge zur Ökologie anbieten. Ich wollte unbedingt, dass Bernard seinen Vortrag beim Abendessen hält, weil er eine wirklich breite und andere Sichtweise hat. Ich habe große Hoffnungen, dass die Gespräche beim Abendessen alle davon überzeugen werden, ihren Blick auf die eigene Forschung zu erweitern.

Die disziplinübergreifende Zusammenarbeit zwischen dem Pilzgenetiger Professor André Fleißner und dem Waldpathologen Professor Bernard Slippers hat den Blick auf ihre Forschung erweitert und ein ganzes Netzwerk unterschiedlicher Forschender zusammengeführt. Bildnachweis: Kristina Rottig/TU Braunschweig.

Professor Slippers: Ich halte das für absolut notwendig. Wir brauchen wirklich eine Kultur, in der wir neugierig darauf sind, was außerhalb unserer Blase liegt, und aktiv versuchen, Verbindungen herzustellen und unsere Sichtweise auf unsere eigenen Forschungsfragen durch äußere Einflüsse zu prägen. Es geht wirklich darum, angewandte und Grundlagenforschung koordiniert zu betreiben.

In gewisser Weise verkörpern Sie das Konzept der „Ecoversity“ – der Ökosystem-Universität, in der verschiedene Disziplinen zusammenkommen und man schaut, welche Synergien dabei entstehen.

Professor Fleißner: Ich glaube, vielen ist gar nicht bewusst, dass wir hier mit mit dem Julius-Kühn-Institut, der DSMZ und dem Helmholtz-Zentrum eine wirklich starke Community in Sachen Pilzforschung und Phytopathologie haben. Und auch mir war lange Zeit gar nicht klar, dass Braunschweig so ein Hotspot für die Pilzbiologieforschung ist. Dann aber kamen Kolleg*innen von anderen Universitäten und Leute aus einigen wirklich großen Labors kamen auf unseren Symposien auf mich zu und sagten: „Wow, wir sind so neidisch auf die Möglichkeiten, die ihr hier in Braunschweig habt.“ Dann wurde mir bewusst, dass sie dieses Umfeld nicht hatten. „Ecoversity“ kam für uns zum richtigen Zeitpunkt. „Ecoversity“ ist eine Universitätsstrategie zur Förderung der Zusammenarbeit mit lokalen Partnern außerhalb der Universität. Genau das haben wir zu dieser Zeit auch gemacht. Als die „Ecoversity“-Strategie veröffentlicht wurde, dachte ich: „Hey, das sind doch wir!“ Deshalb war ich so begeistert davon. Ich weiß es wirklich zu schätzen, dass das, was wir hier in Braunschweig erleben, nicht alltäglich ist.

Professor Slippers: Bevor ich hierherkam, wusste ich gar nicht, wie konzentriert hier alles ist. Wenn man bedenkt, was es in Braunschweig selbst und in der Umgebung gibt, zum Beispiel in Göttingen, Hamburg und Kiel, wird deutlich, wie gut alles erreichbar ist. Und man kann sich dabei auf die enormen Kapazitäten in Braunschweig stützen. Das ist wirklich einzigartig. Das ist einer der Gründe, warum ich gerne mit André zusammenarbeite und immer wieder hierherkomme, ist: Dieses Konsortium hat einfach so viel zu bieten.

Vielen Dank für das Gespräch!