13.07.2010 | Magazin: ,

Gedenkstunde für die Opfer nationalsozialistischer Verfolgung an der TH Braunschweig von 1930 bis 1945

Am Donnerstag, dem 24. Juni 2010 hat die TU Braunschweig in einer Gedenkstunde an die Opfer nationalsozialistischer Verfolgung hier an der damaligen Technischen Hochschule Braunschweig erinnert. Vor Angehörigen der Opfer stellte sich die TU in einer gemeinsamen Erklärung des Präsidiums und des Senats „den schuldhaften Verstrickungen der ehemaligen TH Braunschweig in das Unrecht des nationalsozialistischen Systems“ und verurteilte „mit allem Nachdruck die nationalsozialistischen Verfolgungen und Unrechtsentscheidungen“. Hochschulangehörigen, denen damals auf scheinlegale Weise akademische Grade oder Titel entzogen worden waren, wurden diese posthum wieder zuerkannt. Jedes der 52 Opfer trat in den Mittelpunkt der Veranstaltung, als ihre Namen in einer Gedenkminute von der Senatorin Prof. Ursula Goltz verlesen wurden. Es bestand Gelegenheit, sich in einer kleinen Ausstellung über Lebensläufe einiger der Verfolgten zu informieren.

Auch 65 Jahre nach dem Ende der NS-Herrschaft sei es wichtig, diese Vergangenheit „nicht ruhen zu lassen“, betonte TU-Präsident Prof. Hesselbach in seiner Einführung. Auch die TH Braunschweig sei damals „nicht neutral“ gewesen. Die dunklen Kapitel ihrer Vergangenheit weiter aufzuklären, bleibe nach wie vor ein zentrales Anliegen. Es sei ein Verdienst des Botanikers Prof. Michael Wettern, mit seinen privaten Recherchen zu den Opfern nationalsozialistischer Verfolgung an der Braunschweiger TH eine Studie zu dieser Thematik angeregt zu haben. Jetzt, da die Studie als Publikation vorliege, sei ein weiterer großer Schritt zur Aufarbeitung dieser Vergangenheit getan. Aber noch blieben Fragen offen – zuallererst die nach den nationalsozialistischen Aktivisten an der TH Braunschweig. Forschungen dazu seien bereits in Arbeit.

In seinem Gastvortrag machte der Bochumer Technikhistoriker Prof. Helmut Maier anhand von Selbstzeugnissen vertriebener Wissenschaftlerinnen und Wissenschafter die große Spannweite und je persönliche Bedeutung des erlittenen Unrechts konkret begreifbar. Er widmete sich außerdem der Frage nach der Position und Funktion der Technischen Hochschulen im „Dritten Reich“. Auch die THs, so arbeitete Prof. Maier heraus, waren Teil des NS-Systems und eine jener Triebkräfte auf dem Weg hin zu einem „autarken Wehrstaat“.

Im Anschluß brachten die beiden Autoren der Studie „Opfer nationalsozialistischer Verfolgung an der TH Braunschweig“, Prof. Wettern und der Historiker Daniel Weßelhöft, ihre Ergebnisse auf den Punkt: Insgesamt 52 Verfolgte sind heute zu benennen – darunter Frauen wie Männer, Professoren wie Studenten und Arbeiter wie Assistenten. Sie wurden teils aus rassistischen, doch hauptsächlich aus politischen Gründen von der TH Braunschweig vertrieben. Nicht weniger als ein Drittel des damaligen Lehrpersonals fiel diesen Unrechtsakten zum Opfer. Sehr unterschiedlich waren dabei die Repressalien und Bedrohungen, unter denen die verfolgten TH-Angehörigen zu leiden hatten, und individuell verschieden auch die persönlichen Folgen und Konsequenzen, die daraus erwuchsen. Jede Biographie der 52 Opfer wurde für die Publikation eigens rekonstruiert.

Dr. Ludewig vom Historischen Seminar, unter dessen wissenschaftlicher Leitung die Studie entstanden ist, widmete sich in seinem Schlußwort den noch offenen Fragen. Nach den Opfern und Verfolgten sei nun nach den Tätern und Verantwortlichen zu fragen. Dazu gehöre etwa auch die Frage, wie auf institutioneller Ebene an der TH dem NS-System zugearbeitet wurde. Außerdem gelte es, nun nach Mitteln und Wegen zu suchen, um die Vergangenheit der Hochschule dauerhaft im Bewußtsein – und dabei insbesondere im Bewußtsein der Studierenden – wach zu halten.

Prof. Pachl, Vorsitzender des Archivbeirates der TU, der das Projekt über Jahre unterstützt und konstruktiv begleitet hat, hält die Studie zu den NS-Opfern an der TH Braunschweig für einen „zwar späten, aber wichtigen Beitrag“. „Diesem Werk“, so sagt Prof. Pachl, „ist ein breiter Leserkreis zu wünschen.“

Näheres auf den Webseiten des Universitätsarchivs:
http://www.biblio.tu-bs.de/universitaetsarchiv/hochschulgeschichte/opfer.html