16.10.2018 | Magazin:

Eine digitale Schnitzeljagd durch das mittelalterliche Braunschweig Mit der App als Lerntool Mediävistik lebendiger vermitteln

Lautverschiebung, Benrather Linie, Konsonantismus – all das kommt auf Germanistikstudierende im zweiten Semester zu. Und viele von ihnen ächzen und fragen, wozu das alles? Dabei kann die Germanistische Mediävistik, also die mittelalterliche Sprach- und Literaturforschung, mehr Spaß machen, als sie annehmen. Wie, das zeigen zwei Wissenschaftlerinnen der TU Braunschweig – Professorin Dr. Regina Toepfer und Dr. Wiebke Ohlendorf.

Nach einer ausgiebigen Testphase wurde die „Mittelalter-App für Braunschweig (MAppBS)“ im Sommersemester 2018 zum ersten Mal eingesetzt. Bildnachweis: János Krüger/TU Braunschweig

Auf dem Lehrplan der Germanistik steht die Germanistische Mediävistik, um zum Beispiel Sprachphänomene im Mittelalter und deren Wandel kennenzulernen. „Für viele angehende Deutschlehrerinnen und Deutschlehrer ist das eine Hürde. Sie bezweifeln, dass sie dieses Wissen jemals brauchen werden“, sagt  Regina Toepfer aus Erfahrung. Die Professorin vom Institut für Germanistik an der TU Braunschweig möchte das Verständnis für die Zusammenhänge von Geschichte und Gegenwart fördern. Gemeinsam entwickelte sie mit ihrer Kollegin Wiebke Ohlendorf eine Idee: Sie wollten das Potenzial der Stadt nutzen und sichtbar machen, wie eng Kultur und Sprache im Mittelalter mit unserem heutigen Leben verbunden sind. „In Braunschweig begegnet einem das Mittelalter auf Schritt und Tritt“, sagt Ohlendorf. Genau da setzte auch das Konzept an: „Wir planten eine Art digitale Schnitzeljagd durch die Kultur-, Literatur- und Sprachgeschichte am Beispiel der Stadt Braunschweig und mit Hilfe einer App, erstellt von Studierenden für Studierende.“

Studierende eines Projektseminars bei einem Rundgang zum Erproben der Mittelalter-App. Bildnachweis: Mirjam Knorn

Nach einer ausgiebigen Testphase wurde die „Mittelalter-App für Braunschweig (MAppBS)“ im Sommersemester 2018 zum ersten Mal eingesetzt. Die Vorlesung „Einführung in die Germanistische Mediävistik“ ist in drei große Bereiche aufgeteilt – in einen sprachgeschichtlichen, einen literaturgeschichtlichen und einen kulturhistorischen Teil. Nach jedem absolvierten Abschnitt werden die Studierenden mit der App auf eine Entdeckungsreise in die Innenstadt von Braunschweig geschickt.

Eine ihrer Stationen ist die Michaeliskirche. An der Ostseite des Kirchenbaus ist eine mittelniederdeutsche Weihinschrift zu entdecken. Daran kann der Unterschied zwischen Mittelhochdeutsch und Mittelniederdeutsch gut erklärt werden. Die niederdeutsche „kerke“ wandelt sich durch die zweite Lautverschiebung zur hochdeutschen „Kirche“.  Weitere Beispiele für diesen Wandel der Sprache sind heute noch im Dialekt zu erkennen: „Tide/Gezeiten“, „maken/machen“ oder „Appel/Apfel“.

Eine Stunde im Mittelalter

Die Idee zur App-Entwicklung wurde in zwei Projektseminaren mit Förderung und Unterstützung von teach4TU, einer Initiative für innovative Lehr-Lern-Konzepte, umgesetzt. Zunächst recherchierten die Studierenden, was ihre Stadt zur Veranschaulichung der mittelalterlichen Kultur und Sprache zu bieten hat. Wie sich herausstellte: eine ganze Menge! Was aber eignet sich für die Lehre und den Zweck der App? Nach der Auswahl der Fundstücke verfassten die Studierenden Hörtexte, die den Ort, den kulturellen und sprachlichen Kontext beschreiben.

Dr. Wiebke Ohlendorf zeigt die studienbegleitende App, entwickelt zusammen mit Studenten an der TU Braunschweig. Bildnachweis: János Krüger/TU Braunschweig

Aber wie viel Aufmerksamkeit kann man Nutzern auf einer Schnitzeljagd abverlangen? Um zu vermeiden, dass ein musealer Audioguide entsteht, mussten die Studierenden ihre Texte kürzen. „Das fiel ihnen nicht immer leicht – mühsam ausgearbeitete Texte auf kurze Hörtexte reduzieren, die wissenschaftlichen Maßstäben genügen. Dabei mussten wir immer im Auge behalten, dass Fundstück und Text jeweils sinnvoll aufeinander abgestimmt sind. Wir haben das auch vor Ort getestet“, erinnert sich Seminarleiterin Ohlendorf. Nicht zuletzt auch deshalb, weil die Touren je nicht länger als eine Stunde dauern sollten.

Statt neu erfinden

Eine App kann man von Grund auf programmieren lassen. Doch das ist teuer. Alternativ kann man auf einer vorhanden App-Infrastuktur aufbauen. Genau das hat das MAppBS-Team getan. Die Mittelalter-App basiert auf der Software Actionbound, mit der mobile Abenteuer, Guides und Rallyes erstellt werden können. Entstanden aus einer medienpädagogischen Abschlussarbeit möchte die Anwendung aktuelle Technologien wie zum Beispiel GPS und QR-Codes mit klassischen Lernmethoden verknüpfen. Eine Tour, auch als Bound bezeichnet, kann verschiedene Spiel- und Multimediaelemente enthalten.

„Studenten kann man viel zutrauen“

Alle Studierenden und Mitwirkenden konnten sich so bei der Produktion der App einbringen – ohne besondere IT-Kenntnisse. Und das hat gut funktioniert: So hatte eine Studentin Erfahrung mit dem Synchronsprechen und mit dem Einsprechen von Texten. Eine weitere Studentin schoss die Fotos und eine Hilfskraft entwickelte das Logo für die App.

„Wir waren positiv überrascht, wie viele Vorkenntnisse die Teilnehmerinnen und Teilnehmer mitbrachten und wie stark sie sich engagierten. Man kann Studierenden wirklich viel zutrauen“, so Professorin Toepfer. Ein großer Vorteil von Actionbound als Basis ist, dass die App von den Mitwirkenden selbst gepflegt und aktualisiert werden kann – und das, ohne eine Zeile Programmcode zu schreiben. Anhand einer App-Auswertung lässt sich zudem feststellen, welche Kompetenzen die Studierenden bereits erworben haben.

Prof. Regina Toepfer und Dr. Wiebke Ohlendorf besprechen neue App-Projekte. Bildnachweis: János Krüger/TU Braunschweig

Ein Tool für Digitales Lernen

Für Professorin Toepfer und Seminarleiterin Ohlendorf lohnt sich die Beschäftigung mit dem „Digitalen Lernen“ in mehrfacher Hinsicht. Zum einen verfügt die Germanistische Mediävistik an der TU Braunschweig nun über ein besonderes Lernwerkzeug, das mehr Interesse bei den Studierenden weckt – und deshalb auch fest im Bachelor-Basismodul verankert werden soll. Zum anderen können die Lehrenden herausfinden, worüber die jüngeren Studierenden bei der Aneignung des komplexen Lernstoffs stolpern.

Die Arbeit an der App, das merkt man den beiden Mediävistinnen an, macht ihnen Freude. Für das Wintersemester ist vorgesehen, ein Konzept „MAppBS für alle“ zu erarbeiten. Und die Idee von Professorin Toepfer und Dr. Ohlendorf wirkt schon weiter: An der Fakultät für Lebenswissenschaften wird gerade die nächste Lern-App im Bereich Pharmaziegeschichte  erstellt, und Kolleginnen und Kollegen anderer Universitäten wollen das Braunschweiger Konzept ebenfalls übernehmen.