21. April 2021 | Magazin:

Effektiv und stressfrei durch die Arbeitswoche kommen 5 Fragen an Professorin Beate Muschalla und Wissenschaftlerin Lilly Werk zum Forschungs- und Mitmach-Projekt H-Work

H-Work ist ein Forschungsprojekt der Europäischen Union, das im Januar 2020 gestartet ist und sich mit psychischer Gesundheit am Arbeitsplatz in neun EU-Ländern beschäftigt. An der TU Braunschweig wurde im Herbst 2020 eine Bedarfsanalyse zu Angeboten der psychischen Gesundheit durchgeführt, und seit Dezember 2020 gibt es das Angebot „Arbeitsbezogene Beratung und individuelles Mini-Coaching“. Alle Mitarbeiter*innen der Universität, die möchten, können ein solches Coaching in Anspruch nehmen, ebenso Studierende, die bereits im Job sind.

Arbeitsplatz an der TU Braunschweig

Wie gesund ist der Arbeitsplatz? Bildnachweis: Gideon Rothmann/TU Braunschweig

Was sind aus Ihrer Sicht wichtige Einflussfaktoren auf die psychische Gesundheit am Arbeitsplatz?

Ein wichtiger Einflussfaktor ist die Passung zwischen Anforderungen, die der Arbeitsplatz stellt, und den persönlichen Ressourcen und Fähigkeiten der Mitarbeiter*innen. Darauf sollte im besten Fall bereits bei der Einstellung geachtet werden. Falls sich ein Ungleichgewicht ergibt, kann es sinnvoll sein, den Arbeitsplatz und die Tätigkeitsfelder zu analysieren, um zu schauen, welche Stellschrauben es gibt, um eine bessere Passung zu erzielen.

Welche Rolle spielt die Corona-Pandemie bei Ihrer Arbeit in diesem Projekt?

Projektmitarbeiterin Lilly Werk, Bildnachweis: Lilly Werk

Bei der Durchführung der Coachings glücklicherweise eine recht kleine. Durch die gute technische Infrastruktur der Universität konnten wir die Coachings sehr schnell auf ein Online-Format umstellen, das über BigBlueButton stattfindet. Bisher ist das Feedback zu dem Online-Format sehr positiv, da es durch Bild- und Tonübertragung kaum Einbußen in der Interaktion gibt.

Inhaltlich ist spürbar, dass die Corona-Pandemie Problembereiche am Arbeitsplatz zum Teil verschärft hat, die jedoch auch zuvor schon bestanden. An vielen Arbeitsplätzen sind teilweise Umstrukturierungen notwendig gewesen, sodass sich auch die Arbeitsorganisation des Einzelnen verändert. Fragestellungen zur Vereinbarkeit von Homeoffice und Homeschooling von Kindern, Erreichbarkeit im Homeoffice oder auch Work-Life-Balance während der Corona-Pandemie sind im Coaching keine Seltenheit.

Sie haben ja die ersten Umfragen und Mini-Coachings bereits durchgeführt – was ist Ihr Eindruck – lässt sich dabei schon etwas absehen? Hat Sie etwas überrascht?

Professorin Beate Muschalla, Bildnachweis: Studioline Potsdam

15 Coachings wurden bereits beendet, und es zeigt sich insgesamt eine bunte Vielfalt an Themen und Problemen, die die TU Mitarbeiter*innen bewegen. Allerdings haben sich bereits jetzt zwei große Bereiche abgezeichnet.

Der eine Bereich umfasst die persönliche Arbeitsorganisation. Die Mitarbeiter*innen möchten an ihrem eigenen Zeitmanagement und Prioritätensetzung arbeiten, um möglichst effektiv und stressfrei durch die Arbeitswoche zu kommen.

Der andere große Bereich dreht sich um zwischenmenschliche Komponenten. Wie gehe ich mit Personen um, mit denen ich nicht auf einer Wellenlänge liege? Was macht ein gutes Arbeitsteam aus? Wie arbeite ich mit Kolleg*innen sachbezogen zusammen? Auch wenn bei solchen Situationen mehrere Personen involviert sind, können wir im Coaching erarbeiten, wie man selbst mit der Situation am besten umgehen kann und in Rollenspielen ausprobieren, was man in der realen Situation alternativ einmal tun könnte.
Positiv überrascht sind wir tatsächlich von der hohen Selbstreflexion der Teilnehmer*innen. Viele wissen bereits vor dem Coaching ganz genau, welche Baustellen sie gerne bearbeiten wollen und bringen viele eigene Ideen und eine hohe Änderungsmotivation mit. Das sind die besten Voraussetzungen für einen erfolgreichen Coachingprozess!

Viele Rahmenbedingungen sind an meinem Arbeitsplatz ja einfach vorgegeben. Zeitdruck etwa, die räumlichen Bedingungen, die Kolleg*innen. Wie kann ich denn vor diesem Hintergrund selbst meine psychische Gesundheit beeinflussen? Ist dafür nicht mein*e Arbeitgeber*in bzw. mein*e Chef*in zuständig?

Das Sprichwort „Jeder ist seines Glückes Schmied“ lässt sich auch auf den Arbeitsplatz anwenden. Natürlich haben wir Rahmenbedingungen, die sich nicht so einfach verändern lassen, aber ich kann meine Bewertung der Situation und mein Verhalten verändern. Die gedankliche Bewertung von Situationen hat großen Einfluss darauf, wie wir Situationen erleben und in der Folge damit umgehen. Daher erarbeiten wir im Coaching gemeinsam, was man aktiv verändern kann, um die Arbeitsplatzsituation positiv zu beeinflussen. Das kann eine neue Bewertungsperspektive sein, eine optimierte Selbstorganisation oder ein Spaziergang in der Mittagspause.

Was sind Ihre eigenen Erwartungen und Hoffnungen in Bezug auf H-Work?

Wir hoffen, dass noch viele TU-Mitarbeiter*innen das Coachingangebot im Laufe des Jahres in Anspruch nehmen werden. Es ist erstaunlich, wie viel drei Coachingsitzungen bereits bewirken können und was für tolle Erfolge sich einstellen. Wir bedanken uns bei allen bisherigen Teilnehmer*innen für die schöne Zusammenarbeit und freuen uns auf die neuen Coachings, die noch kommen werden. Wenn Platz ist, kann man auch mehrmals ein Coaching in Anspruch nehmen.