28.03.2019 | Magazin:

Auf den Spuren der Stasi Universitätsarchiv veröffentlicht Bericht über Aktivitäten der DDR-Staatssicherheit an der TU Braunschweig

Universitäten und Hochschulen standen im Interesse der Auslandsspionage der Deutschen Demokratischen Republik. Aufgrund ihrer nahen Lage zur ehemaligen innerdeutschen Grenze und ihrer Forschung wäre die Technische Universität Braunschweig „ein exzellentes Spionageobjekt“ für das Ministerium für Staatssicherheit (MfS) gewesen. Stimmt diese Vermutung? Wie viele Inoffizielle Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter berichteten über die TU Braunschweig? Waren sie Angehörige der Universität und an welche Informationen gelangten sie? Diesen Fragen ging das Universitätsarchiv der TU Braunschweig in einem Forschungsprojekt nach. Das Ergebnis: Geheime Informationen wurden nicht weiter gegeben. Der Projektbericht wurde jetzt veröffentlicht.

Insgesamt 9.000 Datensätze werteten der Historiker Michael Wrehde und Projektleiter Klaus Oberdieck in zehn Monaten aus. Daraus ermittelten sie die Decknahmen von 32 Personen, die dem MfS als Inoffizielle Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter (IM) über die TU Braunschweig berichteten. „Diese Zahl alleine sagt noch nicht viel aus“, erklärt Klaus Oberdieck, ehemaliger Leiter des Universitätsarchivs. „Aussagekräftig wird sie erst, wenn wir uns anschauen, wo diese Personen gearbeitet und welche Informationen sie an die Stasi weiter gegeben haben.“ Bei den Untersuchungen zeigte sich, dass aus dem Kreis der 32 IM niemand Mitglied oder Angehöriger der TU Braunschweig war. Vielmehr weisen die Quellen darauf hin, dass die IM anderen, meist außeruniversitären Forschungseinrichtungen angehörten. Dementsprechend seien die weitergegebenen Informationen aus der TU Braunschweig eher „Beifang“ und nicht besonders brisant, so Oberdieck: Längst veröffentlichte Forschungsberichte, Dissertationen, oder auch Tagungsberichte.

Das Universitätsarchiv untersuchte die Aktivitäten der DDR-Staatssicherheit an der TU Braunschweig. Bildnachweis: Michael Wrehde/TU Braunschweig

„Die Stasi hat tatsächlich nur wenig relevante Informationen über die TU Braunschweig gesammelt“, fasst Michael Wrehde, wissenschaftlicher Mitarbeiter im Universitätsarchiv, zusammen. Auch die Anzahl der weitergegebenen Informationen ist gering: Von den ausgewerteten 9.000 Datensätzen hatten nur wenige hundert einen konkreten Bezug zur TU Braunschweig.

Werbung von Studierenden

„Die TU Braunschweig war wohl für die Staatsicherheit hinsichtlich der Grundlagenforschung nicht wirklich spannend“, vermutet Klaus Oberdieck. Interessanter sei sicherlich die Werbung von Studierenden, die das Potential hatten, später eine relevante berufliche Position zu erreichen, als so genannte Perspektiv-IM gewesen. In drei der noch erhaltenen Akten sind solche Anwerbungsversuche dokumentiert. Sie wurden jedoch abgebrochen, da die Studierenden eine Zusammenarbeit ablehnten.

Realistisches Bild der Stasi-Aktivitäten an der TU Braunschweig

Ein anderer Teil der erhaltenen Akten beschäftigt sich mit den DDR-Kontakten von TU-Angehörigen. Trotz des Kalten Krieges hielten einige Professoren Kontakt zu Fachkollegen in der DDR und unternahmen auch Exkursionen oder Gastreisen mit Studierenden dorthin. Es gibt aber keinerlei Hinweise auf Verstrickungen der Hochschullehrer mit der Stasi. „Natürlich haben wir zu Beginn des Projekts mit spannenderen Ergebnisse gerechnet. Unsere Untersuchung zeigt aber ein realistisches Bild der Stasi-Aktivitäten an der TU Braunschweig“, erläutert Michael Wrehde.

Ein Puzzle mit fehlenden Teilen

Fast alle Akten zur „Westarbeit“ der DDR wurden kurz vor der Besetzung der Zentrale des MfS vernichtet. Die wenigen, vorhandenen Quellen mit Bezug zur TU Braunschweig stammen aus den sogenannten Rosenholz-Dateien und der SIRA-Datenbank. Viele dieser Quellen sind außerdem verschlüsselt. „Wir haben die Informationen, die wir den Quellen entnommen haben, wie ein Puzzle mit fehlenden Teilen zusammengesetzt. Sie geben natürlich kein umfassendes Bild wieder, lassen aber Schlussfolgerungen auf die Art der vernichteten Akten zu“, erläutert Michael Wrehde. Im Rahmen des Forschungsprojekts hat Wrehde für jeden IM ein Dossier angelegt. Darin sind neben Daten zur Person und den IM-Aktivitäten auch die Bewertung der Informationen durch das MfS, der Bezug zur TU Braunschweig, eine Einschätzung des jeweiligen IM sowie die Quellenangaben enthalten.

Pionierarbeit

Bereits im Spätsommer 2014 erteilte der damalige Präsident der TU Braunschweig, Prof. Jürgen Hesselbach, den Auftrag, mögliche Aktivitäten der Stasi an der TU Braunschweig zu untersuchen. Anlass dafür war die eingereichte Dissertation von Enrico Rennebarth über die Spionagetätigkeit des MfS in Braunschweig. Die Behörde des Bundesbeauftragten für die Unterlagen des Staatssicherheitsdienstes der ehemaligen DDR (BStU) gewährte aber erst 2016 Einblick in die Akten. Die letzten Akten folgten dann im Mai 2017. Klaus Oberdieck ordnet das Forschungsprojekt als Pionierarbeit ein: „Die TU Braunschweig ist eine der wenigen Universitäten, die ihre Stasi-Vergangenheit aufgearbeitet hat. Ähnliche Projekte liefen in Bremen, Kiel oder Münster. Spannend wäre es sicherlich, wenn die TU9, die Allianz führender Technischer Universitäten in Deutschland, sich für eine solche Untersuchung zusammen tun und ihre Ergebnisse miteinander vergleichen würden.“