16. Juli 2026 | Magazin:

Architektur als Speicher unserer Erinnerungen Professor Job Floris ist neuer Leiter des Instituts für Entwerfen und Raumkomposition

Wie gestalten wir Städte, die Vielfalt zulassen, Gemeinschaft fördern und Raum für das Unerwartete bieten? Das ist eine der Fragen, mit denen sich Professor Job Floris beschäftigt. Seit Februar 2026 leitet er das Institut für Entwerfen und Raumkomposition der Technischen Universität Braunschweig. Seine Forschung und Lehre konzentrieren sich auf öffentliche Gebäude und urbane Räume als Orte der Begegnung, Teilhabe und kollektiven Identität. Im Interview mit Bianca Loschinsky und Heiko Jacobs spricht Professor Floris unter anderem über den Austausch mit anderen Disziplinen, das Lernen aus der Vergangenheit und die Rolle der Architektur für das Zusammenleben in unseren Städten.

Professor Job Floris leitet das Institut für Entwerfen und Raumkomposition. Bildnachweis: Kristina Rottig/TU Braunschweig

Professor Floris, warum haben Sie sich für die TU Braunschweig entschieden?

Die akademische Kultur in Deutschland zeichnet sich durch ein hohes Niveau aus. Besonders hervorzuheben sind die Möglichkeiten einer interdisziplinären Ausbildung. Die enge Verknüpfung mit Disziplinen wie dem Bauingenieurwesen und den Umweltwissenschaften unterstreicht den Anspruch, räumliche Planung in einem umfassenderen Kontext zu betrachten. Diese interdisziplinäre Ausrichtung ist auch für die spätere berufliche Praxis von Architekt*innen unerlässlich. Sie ermöglicht es, die Fachsprache und Anforderungen anderer Disziplinen zu verstehen sowie einen konstruktiven Dialog und fachübergreifenden Austausch aufzubauen. Auf dieser Grundlage lässt sich Architektur als Disziplin weiterentwickeln und genau darin liegt mein fachlicher Schwerpunkt.

Womit genau beschäftigen Sie sich in Ihrer Forschung und Ihrer Lehre? Wie würden Sie Ihre Arbeit jemandem erklären, der mit dem Thema nicht vertraut ist?

Meine Forschung und Lehre konzentrieren sich auf öffentliche Architektur, einschließlich des öffentlichen Raums und des städtischen Lebens. In unserem Alltag bewegen wir uns durch unterschiedliche öffentliche Räume – sowohl durch Gebäude als auch durch Freiräume außerhalb von Gebäuden. Diese Orte sollten für alle offen, einladend und inklusiv sein und idealerweise einen Bezug zu unserer kollektiven Identität herstellen. Klassische öffentliche Gebäude wie Rathäuser, Krankenhäuser oder Bahnhöfe sind dafür gute Beispiele. Sie bieten ein gut organisiertes Umfeld, das transparent und demokratisch ist und in der sich niemand verloren fühlt. Das mag zwar unkompliziert erscheinen, doch die Realisierung eines solchen Gebäudes erfordert vom Architekten ganz bestimmte Fähigkeiten. Gleichzeitig sind die Gebäude auch Ausdruck politischer und gesellschaftlicher Machtstrukturen, was die Frage aufwirft, welche Anforderungen und Erwartungen wir heute an öffentliche Gebäude stellen. Wie sichtbar, transparent und zugänglich sollten sie sein? Und für wen?

Diese Fragen führen unmittelbar zur Stadt – jenem Ort, an dem Menschen auf engstem Raum zusammenleben und an dem sich soziale, politische und räumliche Dynamiken verdichten.

Gleichzeitig jedoch verändern sich unsere Vorstellungen und Wahrnehmungen von Gemeinschaft und Öffentlichkeit im Laufe der Zeit. Wir finden diese heute nicht mehr nur in traditionellen öffentlichen Räumen, sondern auch an unkonventionellen Orten. Zum Beispiel in Einkaufszentren, auf Brachflächen und digitalen Umgebungen. Dabei bleiben vielleicht ganz grundlegende Aspekte unserer Wahrnehmung und unseres Verständnisses von Raum unverändert. Daher lohnt es sich, weiter daran zu arbeiten und ganz grundlegende Konventionen in der Architektur zu erforschen.

Derzeit zeichnet sich in Städten ein Trend ab, in dem das Streben nach „Perfektion“, Effizienz und Kontrolle immer dominanter zu werden scheint. Dadurch entsteht eine Art Stadt, die steril, sauber und von neuen Technologien durchdrungen ist. Das städtische Leben erscheint dadurch „perfekt“ und reibungslos. Dennoch weist es klare Grenzen auf. Doch bleibt in einer solchen Stadt noch Raum für Abweichungen von Normen, für Reibungspunkte, Spontaneität oder andere Alternativen?

Dabei gab es vor noch vor nicht allzu langer Zeit in unseren Städten vielfältige Übergänge zwischen öffentlichem und privatem Raum. Wie können wir heute vielschichtige, abwechslungsreiche und überraschende urbane Umgebungen finden und gestalten, um Vielfalt und Besonderheit statt Monotonie und „Einheitslook“ zu schaffen? Und wie können wir Städte entwerfen, die Komplexität und Widersprüche beinhalten?

Was hat Sie dazu bewogen, sich mit dem öffentlichen Raum auseinanderzusetzen?

Ich habe das Gefühl, dass unsere Städte derzeit vor großen Herausforderungen stehen, die durch Verdichtung, den Wunsch nach gesunden, grünen Lebensräumen, Umweltverschmutzung, Tourismus und der Dominanz der Immobilienbranche verursacht werden. Meine Motivation ist es daher, mich mit unseren Städten auseinanderzusetzen und zu erforschen, wie wir verdichtete Gebiete auch in Zukunft auf angenehme und lebenswerte Weise bewohnen können. Und wie wir als Architekt*innen durch unsere Gestaltung soziale Interaktion und Öffentlichkeit beeinflussen können. Dabei spielt die Architektur eine Schlüsselrolle bei der Suche nach räumlichen Lösungen.

Professor Job Floris mit TU-Präsidentin Prof. Angela Ittel und Professorin Antje Schwalb, Dekanin der Fakultät Architektur, Bauingenieurwesen und Umweltwissenschaften. Bildnachweis: Kristina Rottig/TU Braunschweig

Ihr Vorgänger, Prof. Volker Staab, war unter anderem auf den Bau und die Sanierung von Museen spezialisiert, und viele der Entwurfsprojekte am IAD konzentrierten sich auf Kulturgebäude. Werden Sie ähnliche Schwerpunkte setzen?

Ja, wir legen Themen für längere Zeiträume fest, für ein oder zwei Jahre, die sich mit der Öffentlichkeit in der Architektur befassen. Weniger Fokus auf eine bestimmte Typologie, mehr auf öffentliche Gebäude und darauf, was sie zu öffentlichen Gebäuden machen könnte. Mehrere Aspekte stehen im Mittelpunkt meiner Lehre und Projektarbeit: Einer davon ist das Schaffen an sich oder die Handfertigkeit – die Beziehung zwischen Hand und Verstand als Mittel der Erforschung und des Erkundens. Ein weiterer Aspekt ist zu lernen, flexibel zu sein und mit Veränderungen im Designprozess umzugehen, was viel Übung erfordert, ähnlich wie ein Pilot, der Flugstunden sammelt. Dazu braucht es ein solides Fundament und einen Ideenreichtum, um das nötige Selbstvertrauen zu entwickeln, Veränderungen zuzulassen.

Und da ich Architektur als einen Speicher kollektiver Erinnerung betrachte, bin ich der Meinung, dass wir weiterhin aus der Vergangenheit lernen sollten – um Antworten für die Gegenwart und die Zukunft zu formulieren. Konkret bedeutet dies, sich sowohl mit institutionellen öffentlichen Gebäuden als auch mit gewöhnlicheren, alltäglichen Dingen wie Feuerwachen oder Bars zu befassen. Das bedeutet auch, dass wir uns sowohl mit der reichen Geschichte der Architektur befassen müssen, um Beispiele zu finden, die uns weiterhelfen, als auch mit der Gegenwart, um Szenarien für die Zukunft zu entwickeln.

Mit Ihrem Büro Monadnock haben Sie zahlreiche Gebäude entworfen und realisiert, bei denen häufig Ziegelkonstruktionen in anderen Farben als Rot zum Einsatz kamen. Welche Rolle spielen Materialien und Farben in Ihrer Arbeit?

Materialien und Farbe befassen sich mit der physischen Dimension der Architektur, dem Schaffensprozess. Materialien bringen eine Reihe von Einschränkungen, Möglichkeiten und Unmöglichkeiten mit sich. Hinzu kommen konzeptionelle Aspekte, die mit bestimmten Materialien verbunden sind: Woher stammen sie, wie werden sie hergestellt und welche Ausdrucksmöglichkeiten bieten sie? All dies macht es lohnenswert, die physische Dimension in den Denkprozess einzubeziehen – als Informationsquelle, die Einfluss auf gestalterische Entscheidungen nehmen kann.

Farbe ist ein Ausdrucksmittel, das wir beim Entwerfen von Architektur oft vergessen. Farbe ist ein Akt gegen Gleichförmigkeit und Austauschbarkeit, Abstraktion und Neutralität.

In unserem Büro haben wird den Anspruch, einen Charakter zu schaffen – das bedeutet intensive und konzentrierte Räume und Gebäude. Farbe ist eines der Mittel, die dabei hilfreich sind. Es ist zugleich ein etwas in Vergessenheit geratenes Mittel: Während die Griechen ihre weißen Steingebäude reich verzierten, haben wir uns seit der Moderne in Richtung sterilerer und neutralerer Umgebungen bewegt. Diese sind oft zu sehr von ihrem Kontext losgelöst und viel zu abstrakt.

Als praktizierender Architekt mit einem sehr gefragten Büro veröffentlichen Sie außergewöhnlich viel. Sie haben zehn Jahre lang die Zeitschrift OASE herausgegeben und Arbeiten zu Themen wie amerikanischen Wolkenkratzern sowie niederländischer und österreichischer Architektur veröffentlicht. Wie beeinflusst das Schreiben über Architektur den Entwurfsprozess?

Das Schreiben ist ein Werkzeug der architektonischen Reflexion, das dabei hilft, eine Position zu finden. Dennoch handelt es sich auch um ein äußerst komplexes Projekt. Vielleicht ist das Schreiben sogar schwieriger als der Entwurf eines Gebäudes, da wir dabei ein Ausdrucksmittel nutzen müssen, mit dem wir weniger Erfahrung haben.

Derzeit gibt es in der Architekturwelt eine Debatte darüber, ob der Fokus ausschließlich auf der Umnutzung und Erhaltung bestehender Gebäude liegen sollte. Wie viel Neubau wird in der Ausbildung noch benötigt?

Natürlich sollten wir auch weiterhin lehren und üben, neue Bauten zu entwerfen. Allerdings glaube ich, dass der Umbau bestehender Gebäude anspruchsvoller ist, während die Planung eines Gebäudes von Grund auf im Allgemeinen oft weniger komplex ist. Beim Umbau eines Bestandsgebäudes muss man in der Lage sein, die architektonische Sprache des Gebäudes zu verstehen und es an aktuelle Anforderungen anzupassen. Das ist eine herausfordernde und hochkomplexe Aufgabe – die erfahrene Architekt*innen erfordert. Gleichzeitig gilt: Nicht jedes Gebäude kann erhalten werden, nicht jedes ist in einem Zustand, der einen Erhalt rechtfertigt.

Wir sollten lernen und lehren, beides zu tun, denn die Realität ist vielfältiger. Entscheidend ist, flexibel zu denken und sowohl den Neubau als auch den Umbau bestehender Gebäude beherrschen zu können. Das habe ich auch von früheren Architekt*innen-Generationen gelernt: Sie waren in der Lage – und auch bereit –, beides zu tun. Wenn wir Studierenden daher beides vermitteln, geben wir ihnen die Freiheit, ihren eigenen Standpunkt und ihren eigenen Weg zu wählen.

Wie sieht Ihr Arbeitsalltag in drei Schlagworten aus?

Fröhlich, erkundend und vielfältig.