Architektur als „Schutzmaschine“ Studierende setzten sich historisch und künstlerisch mit Bunkern in Braunschweig auseinander
Bunker und Luftschutzanlagen prägen vielerorts noch heute das Stadtbild – oft verborgen, manchmal kaum beachtet. Für die einen sind sie militärtechnische Zeugen vergangener Zeiten, für die anderen eindringliche Erinnerungsorte an Krieg, Angst und den Kampf ums Überleben. In einem gemeinsamen Seminar des Instituts für Architekturbezogene Kunst (IAK) und des Instituts für Geschichtswissenschaft (IfG) der Technischen Universität Braunschweig haben sich Studierende fächerübergreifend mit Bunkern und Architektur als „Schutzmaschine“ auseinandergesetzt. Dabei haben sie die Schutzräume nicht als abgeschlossene Relikte der Vergangenheit, sondern als aktive architektonische, gesellschaftliche und ästhetische Konstruktionen im Stadtraum untersucht.
Braunschweig wurde in der Zeit des Nationalsozialismus zu einem Zentrum der Rüstungsindustrie ausgebaut. In dieser Zeit wurden auch zahlreiche Bunker in der Stadt errichtet. Eng verbunden mit der Geschichte des Bunkerbaus ist das Institutsgebäude des Instituts für Architekturbezogene Kunst im Querumer Forst. Professor Theodor Kristen Ende entwickelte hier von 1938 bis 1945 am damaligen Institut für baulichen Luftschutz die sogenannte „Braunschweiger Bewehrung“. Seine Expertise über Baustoffe, insbesondere Stahlbeton, war von zentraler Bedeutung für den zivilen Bunkerbau in Braunschweig, im „Deutschen Reich“ und den damaligen besetzten Gebieten.
Ausgehend von diesem Ort beschäftigten sich die Studierenden unter der Leitung von Stella Flatten, Gergely László (beide IAK) und Professor Christian Kehrt (IfG) mit historischen Luftschutzbauten in Braunschweig – insbesondere Beobachtungsbunker und Splitterschutzzellen – und deren Veränderung im Stadtraum. Konkret ging es um den ehemaligen Beobachtungsbunker am Nussberg, den Bunker in der Knochenhauerstraße, der auf den Trümmern der zerstörten „Neue Synagoge“ errichtet wurde, den Krankenhausbunker in der Cellerstraße auf dem Gelände des heutigen Städtischen Klinikums und einer Westermann Splitterschutzstelle („Einmannbunker“) im Braunschweiger Innenhafen.
Bunker als überdauernde Machtstrukturen
Im Zentrum ihrer Erörterung standen Fragen nach der Gegenwärtigkeit historischer Luftschutzinfrastrukturen: Wie verändern sich Orte mit belasteter Vergangenheit durch Nutzung? Wann wird Schutz zur Tarnung – und wann zur politischen Geste? In Auseinandersetzung mit Paul Virilios „Bunker Archäologie“, der den Atlantikwall als landschaftsprägende Hinterlassenschaft militärischer Logik beschreibt, wurden Bunker nicht als bloße Bauwerke verstanden, sondern als überdauernde Machtstrukturen, die tatsächlich bis in die Gegenwart nachwirken. Auch Schutzräume in aktuellen Konflikten wurden betrachtet. „Aufgrund der derzeitigen geopolitischen Situation geraten Bunker plötzlich wieder mehr in den Blick“, so Gergely László.
Das Seminar verband historische Recherche, geschichtswissenschaftliche Einordnung, künstlerische Methoden und ortsspezifische Analyse. „Für die Geschichts-Studierenden war es dadurch kein übliches Seminar“, sagt Professor Christian Kehrt. Die Studierenden recherchierten im Stadtarchiv und fanden Quellen zur Enteignung und Umnutzung der Grundstücke für den Bunkerbau in der Braunschweiger Altstadt. In Ortsbesichtigungen und Bunkerführungen (unter anderem ermöglicht durch den Historiker Dr. Christian Werner) setzten sie sich auch mit der Schutzarchitektur dieser Räume auseinander und führten Interviews mit Zeitzeugen. Eine Frage beispielsweise war, wie heutige Nutzer*innen ehemalige Bunkerbauten als Discobesucher*innen oder Bewohner*innen wahrnehmen. Im Zuge ihrer Forschungsprojekte stellten die Studierenden fest, dass oftmals eine sichtbare Einordnung und historische Informationen fehlen. „Diese Orte gehen im Stadtraum unter“, sagt Stella Flatten. „Sie sind ungewollte Architektur.“
Tarnung durch Nebel
In ihren Seminararbeiten rückten die Studierenden die Schutzräume mit verschiedenen Methoden und Zugängen in den Fokus: Sie entwickelten Performances, Installationen und Konzepte, die Schutz nicht nur als bauliche Hülle, sondern als Handlung, Prozess und kollektive Strategie begreifen. So überträgt die Kunstperformance „Vaporous Bodies“ von León Klotz Garcia und Jan Saalman den Gedanken des Schutzes in eine atmosphärische, raumfüllende Form. Nebel wird zur schützenden Hülle für den menschlichen Körper. Der Nebelkörper verweist außerdem auf das Verdecken von Vergangenem. Vergleichbar mit dem Bunker in der Knochenhauerstraße, der äußerlich als Stadthaus getarnt werden sollte, um seine eigentliche Nutzung zu verschleiern.
Auch die Arbeit „Alternative Realitäten“ von Rena Brockman, Milan Reusch und Thor Wendler befasste sich mit dem Bunker, auf dessen Grundstück sich bis zu den Pogromen vom 9. November 1938 die Neue Synagoge Braunschweigs stand. Die Idee der Studierenden: die ursprünglich für den Bunker geplante Fassadengestaltung mit Fachwerkstrukturattrappe mit Hilfe von Beamern an die Fassade des Bunkers zu werfen und so eine mögliche alternative Realität abzubilden. Neben der Projektion haben die Studierenden auch ein Modell des Gebäudes mit der geplanten Fassade gebaut. Grundlage dafür war ein Stück gegossener Beton, den die Studierenden in der Nähe des IAK im Querumer Forst gefunden haben.
Wissen als Schutz
Für die Installation „Unbombable Archives“ baute Max Kolditz an einer Splitterschutzzelle am Braunschweiger Hafen eine Sammlung wissenschaftlicher Bücher auf. Sie veranschaulicht, wie wissenschaftliches Arbeiten und kritische Informationsermittlung Werte schaffen, die vor Manipulation, Desinformation und Propaganda schützen.
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Die Probleme der Belüftung des Operationsbunkers in der Celler Straße nahm eine weitere Arbeit in den Blick. In „Der atmende Bunker“ von Tobias Brüning, Yasin Sagir und Kamila Schneider soll mit Hilfe einer Nebelmaschine kontrolliert Nebel durch eine vorhandene Belüftungsöffnung geleitet werden, um den „Luftaustausch“ sichtbar zu machen. Eine Intervention im Stadtraum, die bewirken könnte, dass der Bunker in subtiler Weise wahrgenommen wird.
Beteiligte Studierende Architektur: Fabienne Büchner, Rena Brockman, Tobias Brüning, Charlotte Gehrke, Joris Gomalla, Max Kolditz, León Klotz Garcia, Sief Kuban, Milan Reusch, Jan Saalman, Yasin Sagir, Emma Schreiber, Kilian Serre-Gruberbauer, Kamila Schneider, Josephin Schwarz, Henrik Steinert, Thor Wendler, Marcus Wolter,
Studierende KTW, Geschichte sowie Organisation, Governance, Bildung: Noah Hecht, Patrick Hoffmann, Leandra Mewes, Nikas Modde, Alina Müller, Maria Ritter, Annabella Sartison, Kjell Völzke, Moritz Wilhelm