6. Juli 2026 | Magazin:

Reallabor mit Panoramablick Architektur-Institute bauen ehemaliges Computerlabor auf dem Okerhochhaus um

Dort, wo früher Studierende im Dunkeln vor Computerbildschirmen saßen, eröffnet sich heute auf dem Dach des Okerhochhauses der Technischen Universität Braunschweig ein weiter Blick über die Stadt. Nach rund einem Jahr Bauzeit verwandelten Mitarbeitende und Studierende des Instituts für Bauklimatik und Energie der Architektur sowie des Instituts für Entwerfen und Gebäudelehre das ehemalige Computerlabor in ein Reallabor für nachhaltiges Bauen. Ausgestattet mit einer Wärmepumpe sowie einem Flächenheiz- und Kühlsystem im Fußboden und einer ökologischen Lehmwand, wird der Raum selbst zum Forschungsobjekt. Realisiert werden konnte das Projekt durch großes Engagement und die erhebliche Eigenleistung der beiden Institute.

Panoramablick auf Braunschweig. Bildnachweis: Kristina Rottig/TU Braunschweig

Wer den Raum in der 16. Etage des Okerhochhauses betritt, bleibt zunächst am Fenster stehen. Der Blick reicht weit über die Dächer Braunschweigs. Was heute fast wie eine Lounge wirkt, war lange ein Computerlabor. „Die Studierenden saßen hier früher im Dunklen, weil sie am Rechner gearbeitet haben. Und das bei dieser tollen Aussicht“, sagt Daniel Houschka, Laborleiter am Institut für Bauklimatik und Energie der Architektur (IBEA), der den Umbau geleitet hat.

Nachdem der Seminarraum einige Zeit leer gestanden hatte, erhielt die Fakultät für Architektur, Bauingenieurwesen und Umweltwissenschaften auf Initiative von Geschäftsführerin Ina Müller die Möglichkeit, den Raum neu zu entwickeln. Das Ergebnis ist ein Ort für besondere Veranstaltungen und Meetings und zugleich ein Reallabor für nachhaltiges Bauen und innovative Gebäudetechnik.

Ein „Riesenjuwel“ auf dem Dach

Für Professorin Elisabeth Endres, Leiterin des IBEA, war der Umbau eine ganz besondere Gelegenheit: „Der Raum mit seiner Aussicht über den gesamten Campus ist ein echtes Juwel an unserer Universität.“

Tatsächlich hat sich die Wirkung des einstigen Computerlabors grundlegend verändert. Die Gestaltung ist bewusst schlicht gehalten. „Um nicht von dem lebendigen Stadtpanorama abzulenken“, so Professorin Almut Grüntuch-Ernst, Leiterin des Instituts für Entwerfen und Gebäudelehre. Der Boden wurde auf eine Höhe mit der Dachterrasse angehoben. Dadurch hat man auch im Sitzen freie Sicht auf Braunschweig. Werden die Tische an die Fensterbänke geschoben, entsteht eine durchgehende Ebene, die den Raum optisch erweitert. Außerdem wurde die alte Abhängdecke entfernt und das „Behördenlicht“ durch schwebende runde Lampen ersetzt.

Professorin Elisabeth Endres und Professorin Almut Grüntuch-Ernst freuen sich über den gelungenen Umbau des Raums. Bildnachweis: Kristina Rottig/TU Braunschweig

Die Gestaltung ist bewusst schlicht gehalten. Bildnachweis: Kristina Rottig/TU Braunschweig

So sah es vorher aus: Bilder aus der Umbau-Zeit. Bildnachweis: Kristina Rottig/TU Braunschweig

Die alte Abhangdecke wurde entfernt und schwebende runde Lampen aufgehängt. Bildnachweis: Kristina Rottig/TU Braunschweig

Die großen Fenster bieten einen Panoramablick auf Braunschweig. Bildnachweis: IBEA/TU Braunschweig

Hinter dem Raum befindet sich noch ein kleiner Bereich mit Küchenzeile. Bildnachweis: IBEA/TU Braunschweig

Der Technikraum. Bildnachweis: IBEA/TU Braunschweig

Doch zunächst standen die beiden Architektur-Institute vor besonderen Herausforderungen: Nachdem schadstoffhaltiges Material in der Dämmung und der abgehängten Decke entdeckt wurde, musste ein spezialisiertes Unternehmen eine Schadstoffsanierung vornehmen. Erst dann konnte der Raum komplett entkernt und neu aufgebaut werden.

Die Mitarbeitenden und Studierenden übernahmen nahezu alle Gewerke selbst – von Elektroarbeiten über Heizungs- und Klimatechnik bis hin zu Tischler- und Malerarbeiten. „Alle studentischen Hilfskräfte durften mitplanen und bauen, sodass sie den gesamten Bauprozess Schritt für Schritt begleiten konnten“, berichtet Daniel Houschka.

Unsichtbare Technik für nachhaltiges Raumklima

Vor dem Umbau wurde der Raum von vier großen Heizkörpern und zwei separaten Kühlaggregaten versorgt. Heute übernimmt diese Aufgabe eine kleine reversible Luft-Wasser-Wärmepumpe. Mit Hilfe dieser Wärmepumpe können die Flächenheiz- und Kühlsysteme im Fußboden sowie in der Wand aktiviert werden, um den Raum bedarfsgerecht zu heizen oder zu kühlen. Die Technik bleibt dabei nahezu unsichtbar. In der mit Lehm verputzten Wand zum Treppenhaus verbirgt sich beispielsweise ein wassergeführtes Klimaregister. „Dieses Wandheiz- und Kühlsystem in Kombination mit dem feuchteregulierenden Lehmputz temperiert den Raum und schafft ein gutes und behagliches Raumklima“, erklärt Daniel Houschka.

Auch der Boden wurde komplett neu aufgebaut. Auf einem Holzständerwerk ruht ein schallentkoppelter Doppelboden. Kork und Schafwolle sorgen für Schall- und Wärmeschutz. Zwischen den Konstruktionsebenen verlaufen die Leitungen für den Heiz- und Kühlkreislauf. Aluminiumlamellen verteilen die Temperatur großflächig über den Parkettboden in den Raum.

Daniel Houschka (Mitte) leitete den Umbau. Bildnachweis: IBEA/TU Braunschweig

Vor der Entkernung: das ehemalige Computerlabor. Bildnachweis: IBEA/TU Braunschweig

Heizkörper und die alte Abhangdecke wurden aus dem Raum entfernt. Bildnachweis: IBEA/TU Braunschweig

Vor dem Umbau musste eine Schadstoffsanierung vorgenommen werden. Bildnachweis: IBEA/TU Braunschweig

Der Raum wurde komplett entkernt und neu aufgebaut. Bildnachweis: IBEA/TU Braunschweig

Der Boden wurde komplett neu aufgebaut. Bildnachweis: IBEA/TU Braunschweig

Auf einem Holzständerwerk ruht ein schallentkoppelter Doppelboden. Bildnachweis: IBEA/TU Braunschweig

Das Flächenheiz- und Kühlsystem in der Wand. Bildnachweis: IBEA/TU Braunschweig

Das wassergeführte Klimaregister. Bildnachweis: IBEA/TU Braunschweig

Die Wand wurde mit Lehm verputzt. Bildnachweis: IBEA/TU Braunschweig

Daniel Houschka: „Das Wandheiz- und Kühlsystem in Kombination mit dem feuchteregulierenden Lehmputz temperiert den Raum und schafft ein gutes und behagliches Raumklima." Bildnachweis: IBEA/TU Braunschweig

Aluminiumlamellen verteilen die Temperatur großflächig über den Parkettboden in den Raum. Bildnachweis: IBEA/TU Braunschweig

Statt Teppich gibt es nun einen Parkettboden. Bildnachweis: IBEA/TU Braunschweig

Reallabor statt Standardlösung

Vor der Umsetzung haben die Mitarbeitenden das gesamte Konzept simuliert, um sicherzustellen, dass die gewünschte Temperierung auch unter den besonderen Bedingungen auf dem Dach funktioniert. Professorin Endres versteht das Projekt ausdrücklich als Experimentierraum: „Wir haben hier nach keiner Norm geplant.“ In dem Reallabor will das IBEA-Team auch Messungen vornehmen, um Erkenntnisse darüber zu gewinnen, wie sich bestehende Gebäude mit einfachen Mitteln sanieren und energetisch verbessern lassen.

Einen endgültigen Namen hat der Ort übrigens noch nicht. „Laterne“ oder „Skylounge“ sind im Gespräch. Wer noch weitere Vorschläge hat, kann sich gern an das IBEA-Team wenden.