Weil Transformation nur mit Menschen gelingt Professorin Susanne Robra-Bissantz leitet das Projekt „Ökosystem Soziale Nachhaltigkeit“
Was kann die Wirtschaftsinformatik im Bereich Nachhaltigkeit tun? Mit dieser Frage hat sich Professorin Susanne Robra-Bissantz, Leiterin der Abteilung Service-Informationssysteme am Institut für Wirtschaftsinformatik der Technischen Universität Braunschweig, ausführlich beschäftigt. Ihre Antwort darauf ist, dass die Wirtschaftsinformatik keine Bäume pflanzen kann, stattdessen aber auf dem Gebiet der sozialen Nachhaltigkeit sehr viel bewirken kann. Wie die Idee zum Projekt „Ökosystem Soziale Nachhaltigkeit“ im Rahmen der Ecoversity Initiative entstanden ist, was das Projektteam geplant hat und wie sich Interessierte beteiligen können, erzählt Professorin Susanne Robra-Bissantz im Interview.
Können Sie in wenigen Sätzen zusammenfassen, wie das Projekt „Ökosystem Soziale Nachhaltigkeit“ entstanden ist?
Mir persönlich liegt das Thema Nachhaltigkeit sehr am Herzen. Deshalb habe ich immer wieder darüber nachgedacht, wie ich dieses Thema in die Wirtschaftsinformatik integrieren könnte. Unsere Fachdisziplin ist nicht prädestiniert dafür, Bäume zu pflanzen. Aber wir können auf der Ebene der sozialen Nachhaltigkeit wirken. Ich bin da ganz beim Transformationsforscher Prof. Dr. Uwe Schneidewind, der Forschung in Reallaboren und mit der Zivilgesellschaft präferiert, weil Transformation nur über Menschen gelingt und nicht über Politik oder Technologie. Diese Gedanken habe ich eine ganze Weile mit mir herumgetragen, doch ausschlaggebend dafür, das Projekt ins Leben zu rufen, war eine Ausschreibung im Rahmen der Ecoversity Initiative. Mit „Spaces for Collaboration“ fördert die TU Braunschweig innerhalb der Ecoversity Formate, die wissenschaftliche und wissenschaftsunterstützende Kooperationen mit externen Partner*innen aus Forschungseinrichtungen, Wirtschaft, Politik, Kultur und Gesellschaft auf- und ausbauen. Mit der erfolgreichen Bewerbung standen uns die Mittel zur Verfügung, erste Workshops zu organisieren. Wir hatten die Möglichkeit, unsere Ideen mit Leben zu füllen.
Wie definieren Sie „soziale Nachhaltigkeit“ im Kontext Ihres Ökosystems?
Diese Frage haben wir auch den Teilnehmenden unseres ersten Workshops gestellt. Ergebnis der Diskussion war, die Lebensqualität aller zu verbessern und immer den Menschen in den Mittelpunkt des Handelns, Planens und Entscheidens zu stellen. Dabei ist auch eine Wortwolke entstanden, die sehr gut ausdrückt, was soziale Nachhaltigkeit umfasst: Inklusion, Teilhabe, Gemeinschaft, Solidarität, Gerechtigkeit, Toleranz, Menschenwürde, Gemeinwohl. All das ist für uns soziale Nachhaltigkeit und wird bei den Formaten, die wir im Rahmen unseres Projektes entwickeln und durchführen, stets mitgedacht.
Welche Ziele verfolgen Sie mit dem Projekt, welche Vision steht dahinter?
Auch hier möchte ich mich noch einmal auf Schneidewind beziehen, der das Konzept „Lernen mit Kopf, Herz und Hand“ des Schweizer Pädagogen Johann Heinrich Pestalozzi für Transformationsprozesse modifiziert hat: Wir müssen zunächst verstehen, dass es mehr Chancen als Risiken birgt, zu versuchen besser zusammenzuleben (Kopf). Wenn wir das verstanden haben, ist es unsere Aufgabe das auch fest in unserem Wertesystem zu verankern (Herz). Und abschließend sollte jeder und jede in die Lage versetzt werden, zu gestalten (Hand). Darauf fußt die Vision hinter unserem Projekt: Eine Region, die niemanden zurücklässt. Mein Projektteam und ich möchten hier in unserer Region anfangen, die Welt besser zu machen. Und zwar indem wir Menschen dazu befähigen, im Bereich der sozialen Nachhaltigkeit etwas zu bewirken. Wir sehen uns als Service-Ökosystem, in dem sich Akteur*innen so vernetzen, dass alle einen Nutzen davon haben und gleichzeitig auch etwas beitragen.
Wie sahen die ersten Schritte aus und was haben Sie bisher erreicht?
Wir haben zunächst in einem ersten Workshop mit Forschenden im Bereich sozialer Nachhaltigkeit an der TU Braunschweig diskutiert, was wir jeweils unter sozialer Nachhaltigkeit verstehen. In einem zweiten Workshop mit weiteren Interessierten, auch über die TU Braunschweig hinaus, haben wir auf Grundlage dieser gemeinsamen Definition Gruppen gebildet, die sich mit unterschiedlichen Punkten der Thematik auseinandersetzen und eigenständig Veranstaltungsformate planen. Diese Gruppen haben sich und ihre Konzepte auch während unserer ersten Werkstatt der Mutigen am 19. Februar 2026 im DenkRaum vorgestellt. Wir waren ganz überrascht davon, wie viele Interessierte aus der TU Braunschweig, der Gesellschaft und auch aus der Politik gekommen sind und dass ganz viele Teilnehmende auch bereit waren, ihre Geschichten zum Thema soziale Nachhaltigkeit spontan mit uns zu teilen. Eine schöne und motivierende Bestätigung, dass wir mit unserem Thema einen Nerv treffen und auf dem richtigen Weg sind.

Das Interesse an der ersten Werkstatt der Mutigen im DenkRaum war groß. Bildnachweis: Benjamin Roeloffs /TU Braunschweig
Im Anschluss an die Werkstatt der Mutigen haben wir regelmäßige Veranstaltungsformate etabliert, wie zum Beispiel den Macher-Mittag, bei dem die verschiedenen Gruppen von ihrer aktuellen Arbeit erzählen. Für Senior*innen bieten wir jedes Semester zusammen mit der Bürgerstiftung das Format Gemeinsam Digital in Form von offenen Fragestunden und Workshops zum Thema „Digitale Bildung“ an, was unglaublich gut angenommen wird. Neben den Veranstaltungen entwickeln wir aktuell unter anderem eine App, mit der Menschen spielerisch lernen können, was Digitalisierung bedeutet.
Welche Veranstaltungen/Formate sind im Rahmen des Projektes in naher Zukunft geplant?
Innerhalb unseres Projektteams arbeiten Wissenschaftler*innen gemeinsam mit mir stetig weiter an unserem Konzept. Wir haben unter anderem das Format „Konzept-Kaffee“ zur Diskussion und Reflexion mit externen Partner*innen etabliert. Ich betitele mich immer gerne selbst als die Workshopping Queen. Ich denke einfach gerne darüber nach, wie man Strukturen so gestalten kann, dass die gesetzten Ziele erreicht werden können und gleichzeitig alle Interessierten einbezogen werden. Auf dieser Grundlage werden wir weitere Formate entwickeln. Gerade starten wir eine Art digitale Sprechstunde für Menschen, die noch nicht so genau wissen, wie sie sich einbringen können. Aber auch aus den einzelnen Gruppen heraus werden unterschiedliche Veranstaltungen und Formate organisiert. Die Gruppe Inklusion & Teilhabe beispielsweise plant derzeit einen Barbershop für obdachlose Menschen im DenkRaum.
Zusätzlich bieten wir allen, die sich im Rahmen der sozialen Nachhaltigkeit engagieren, unterschiedliche Dienstleistungen an. Wir haben festgestellt, dass die bereits existierenden Gruppen ein sehr großes Bedürfnis haben, sich besser zu vernetzen, um ihre Ideen auszutauschen und sich gegenseitig zu unterstützen. Auch hierfür stellen wir den DenkRaum zur Verfügung und kümmern uns um die Kommunikation, damit bekannt wird, welche Gruppen und Formate es im Bereich der sozialen Nachhaltigkeit bereits gibt. Um auch hier eine nachhaltige Verlässlichkeit zu schaffen, möchten wir den DenkRaum verstetigen und parallel zum Ökosystem in eine Genossenschaft überführen.
Wie können sich Interessierte an dem Projekt beteiligen?
Ich empfehle Interessierten, dem DenkRaum in den sozialen Netzwerken zu folgen und sich für den Newsletter anzumelden. So kommt man am besten an die Informationen zu anstehenden Veranstaltungen. Wir planen auch gerade ein niederschwelliges Format, das sich genau an solche Menschen richtet, die einfach Lust haben, etwas Gutes zu tun und sich zu engagieren. Ziel soll sein, diese Menschen mit bereits bestehenden Gruppen und Angeboten zu matchen. Sobald es hierfür einen Termin gibt, werden wir diesen ebenfalls über den Newsletter des DenkRaums bekannt geben. Die nächste Werkstatt der Mutigen findet am 03. September 2026 statt. Bei dieser Veranstaltung geht es darum, wie sich Interessierte beteiligen und Verantwortung übernehmen können. Unser Ziel für den Tag ist es, ganz konkret die ersten Meilensteine für handfeste, regionale Pilotprojekte zu schmieden.
Gibt es eine Botschaft zum Thema „soziale Nachhaltigkeit“, die Sie allen TU-Mitgliedern mit auf den Weg geben möchten?
Ich bin davon überzeugt, dass wir Gemeinschaft und Solidarität und alles, was soziale Nachhaltigkeit ausmacht, trainieren und weitertragen müssen. Es ist unser Auftrag, dazu beizutragen, dass sich unsere Gesellschaft wieder stabilisieren kann. Dafür sind die Vernetzung mit Bürger*innen und deren aktive Beteiligung essenziell. Mit der Ecoversity Initiative haben wir hierfür an der TU Braunschweig die perfekte Ausgangslage: Ein wissenschaftliches Ökosystem, in dem wir Forschung und Praxis miteinander verbinden, um gemeinsam den aktuellen Herausforderungen zu begegnen. Ich möchte allen TU-Mitgliedern nahelegen, diese Chance zu nutzen und insbesondere das Gespräch mit Bürger*innen zu suchen. Es macht Spaß und es ist sinnstiftend. Denn auch in Bezug auf gesellschaftliche Belange gilt unser früheres Motto beim Sandkasten: Machen ist wie wollen, nur krasser.