19. August 2026 | Magazin:

Wegweisende Initiative: MHFA-Ersthelfende in der Pharmazie

So wie man bei Erste-Hilfe-Kursen lernt, bei medizinischen Notfällen zu reagieren, wird bei Kursen für Mental Health First Aid (MHFA) vermittelt, wie man bei Problemen mit der psychischen Gesundheit agiert, bis professionelle Hände übernehmen. Ein solcher MHFA-Kurs fand nun gerade am Fachbereich Pharmazie statt – als starkes Signal für die mentale Gesundheit im Pharmaziestudium.

Gruppenfoto mit Teilnehmenden des Kurses Mental Health First Aid (MHFA).

Stell dir vor, dass du durch eine Verkettung von unglücklichen Umständen stürzt und dir dabei das Bein brichst. Selbstverständlich würde man sich in Folge professionelle Hilfe und ärztliche Betreuung suchen. Was aber, wenn es nicht um ein gebrochenes Bein geht, sondern um die mentale Gesundheit? Obwohl es genauso selbstverständlich sein sollte, sich bei psychischen Problemen entsprechende professionelle Hilfe zu holen, ist die Hürde dafür bei vielen Menschen in unserer Gesellschaft leider weiterhin deutlich höher.

Ein gebrochenes Bein lässt sich nicht verstecken. Psychische Probleme werden auf Grund von Vorurteilen und Scham deutlich häufiger geheim gehalten – das Leiden hinter geschlossenen Türen versteckt. Und was, wenn man bei Mitmenschen im Beruf oder bei Studierenden in der Betreuung bemerkt, dass etwas nicht stimmt? Traue ich mich das anzusprechen – und wie spreche ich das an? Was wenn die Person abwinkt – oder wenn sie sogar wütend wird?

Unterstützung, wo der Druck am höchsten ist

Das Pharmaziestudium gehört zu den anspruchsvollsten Studiengängen an deutschen Universitäten. Bedingt durch die strikten Vorgaben der Approbationsordnung ergeben sich hohe Anforderungen: Volle Stundenpläne, umfangreicher Lernstoff und unzählige Laborpraktika ergeben einen hohen Arbeitsaufwand – besonders in den Semestern um das erste und zweite Staatsexamen.

Dass dadurch oft eine spürbare mentale Belastung entsteht, wurde auch durch die BPhD-Umfrage „Mental Health im Pharmaziestudium“ und die PharmSchool-Umfrage „Depressionen im Pharmaziestudium“ belegt.

Praktikumsleiterin Irina Ihnatenko kann dies bestätigen: „In einigen Beratungsgesprächen und Einzelgesprächen wird deutlich, welchen persönlichen Belastungen die Studierenden ausgesetzt sein können.“

Promovierende, wissenschaftliche und technische Mitarbeitende betreuen die Pharmaziestudierenden in den Laborpraktika – 15 wurden nun gezielt zu MHFA-Ersthelfenden ausgebildet, um dort mentale Krisen und Überlastungen frühzeitig zu erkennen.

Laborantin Bianka Nouri sagt: „Ich finde mentale Gesundheit genauso wichtig wie physische Gesundheit. Ich möchte, dass die Stigmatisierung bei mentalen Problemen in der Gesellschaft aufhört – vor allem auch in unseren eigenen Gedanken.“

Praxisnahes und evidenzbasiertes Training

Unter Leitung der MHFA-Instruktorin Lydia Baum durchliefen die Teilnehmenden das intensive MHFA-Ersthelfenden-Programm, das vom Zentralinstitut für Seelische Gesundheit Mannheim in Deutschland etabliert und wissenschaftlich begleitet wird.

Die Teilnehmenden erwarben so fundiertes Wissen über Symptome, Ursachen und Risikofaktoren von Depressionen, Angststörungen, Psychosen und diverser anderer psychischen Probleme und lernten, wie sie in Krisensituationen professionell, mitfühlend und unterstützend reagieren können.

„Mit unseren Angeboten möchten wir Stigmata ab- und Kompetenzen aufbauen, um die psychische Gesundheit von Menschen, Teams und Organisationen nachhaltig zu stärken. Die Zusammenarbeit mit der TU Braunschweig zeigt mir als MHFA-Instruktorin, wie wichtig und wirkungsvoll Frühintervention auch im universitären Kontext ist,“ so Lydia Baum.

Die theoretischen Inhalte werden in diesen Kursen in praxisnahen Rollenspielen und zielgerichteten Übungen erprobt. Bei Doktorandin Nelly Luong hat gerade das Anklang gefunden: „Der Kurs hat mir viel Sicherheit gegeben, Menschen in mental angespannten Situationen unterstützen zu können. Durch interaktive Fallbeispiele konnten anspruchsvolle Gesprächssituationen geübt und gemeinsam besprochen werden, was die Nervosität vor solchen Situationen nimmt.“

Ein besonderer Dank gilt hier dem Alumniverein der Pharmazie in Braunschweig, der durch eine Spende Verpflegung und Mittagessen für den Kurs finanzierte und so die Wichtigkeit solcher Maßnahmen ebenfalls hervorhob.

Breite Verankerung und langfristige Perspektive

Diese Maßnahme signalisiert deutlich, dass mentale Belastungen am Fachbereich Pharmazie ernst genommen werden. MHFA-Ersthelfender und Kursorganisator, Julian Hegemann, positioniert sich dabei klar:

„Als Lehrkräfte tragen wir eine hohe Verantwortung gegenüber unserer Studierenden. Diese gilt der Sicherstellung einer qualitativ hochwertigen Wissensvermittlung und dem sensiblen Umgang mit den vielfältigen Lebensrealitäten unserer sehr diversen Studierendenschaft. Das bedeutet auch, dass wir Probleme auf Grund der hohen Anforderungen des Pharmaziestudiums klar benennen und ihnen entschieden entgegentreten müssen. Ich weiß nur zu gut, wie wichtig es ist, den Diskurs über mentale Gesundheit zu normalisieren, da ich bereits selbst professionelle Unterstützung bei psychischen Problemen in Anspruch nehmen musste. Rückblickend kann ich klar sagen, dass ich damals aus eigener Scham und Angst viel zu lange damit gewartet habe. Wir alle müssen solche Themen daher gemeinsam mehr in das gesellschaftliche Bewusstsein bringen und Mitmenschen, die diesen mutigen und wichtigen Schritt gehen, mit Verständnis und Unterstützung begegnen.“

Durch Ausbildung der 15 MHFA-Ersthelfenden ist das Thema nun breit im Fachbereich Pharmazie verankert. Eine Vernetzung mit erfahrenen MHFA-Ersthelfenden anderer Bereiche ist ebenfalls geplant. Robert Hänsch, MHFA-Ersthelfender seit 2023, kommentiert:

„Ich hatte bisher noch keine Person, die sich direkt bei mir in meiner Funktion als MHFA-Ersthelfender gemeldet hat. Ich kann das Gelernte aber trotzdem immer wieder in entsprechenden Situationen – gerade auch mit Studierenden – einsetzen.“

Als erste Folgemaßnahme wird nun eine übersichtliche Informationsseite mit allen MHFA-Ersthelfenden eingerichtet, um diese für Studierende sichtbar und leicht zugänglich zu machen.

Text: Lea Hülsen & Julian Hegemann