11.06.2019 | Magazin:

Von Mumienbraun bis Läuse-Rot Ausstellung über die Bedeutungen des Begriffes „Pharmakon“

Mumienbraun, Safrangelb, Berliner Blau und Läuse-Rot: In der Universitätsbibliothek geht es aktuell bunt zu. Die Ausstellung „Pharmakon – Farbe, Zauber, Gift, Arznei“ zeigt Objekte und Substanzen aus der Arzneimittelhistorischen Sammlung der TU Braunschweig, die nicht nur medizinisch genutzt, sondern als Farbmittel, Gifte und Zaubermittel zum Einsatz kamen. Apothekerin und Kuratorin Anette Marquardt hat uns durch die Ausstellung geführt.

Nein, ein Lieblingsexponat habe sie nicht, sagt Anette Marquardt. Vielmehr habe sie immer das Thema am meisten fasziniert, das sie gerade für die Ausstellung recherchierte. Marquardt ist Apothekerin und promoviert in der Abteilung für Geschichte der Naturwissenschaften mit Schwerpunkt Pharmaziegeschichte der TU Braunschweig. Ihr Thema: Geschichte, Systematik und Dokumentation der Arzneimittelhistorischen Sammlung Schneider. In der aktuellen Ausstellung in der Universitätsbibliothek sind nun in 21 Vitrinen Objekte der Sammlung präsentiert, die neben ihrer pharmazeutischen Verwendung noch ganz andere Rollen spielten: als oftmals begehrte, manchmal giftige Farben in Gewerbe, der Kunst, als Lebensmittelfarbstoff oder auch als Zaubermittel gegen dies und das. Ergänzt werden die Sammlungsobjekte unter anderem durch historische Bücher der Universitätsbibliothek, Exponate aus regionalen Museen und Sammlungen sowie Abbildungen berühmter Gemälde, in denen die Substanzen nachweislich benutzt wurden.

Pharmakon
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Günstig, schön – nur leider giftig: Das Schweinfurter Grün enthält Arsen und wurde im 19. Jahrhundert unter anderem in Tapeten und Kleidung verwendet. Bildnachweis: Marisol Glasserman/TU Braunschweig

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Regionale Leihgaben und Buchschätze aus dem Bestand der Universitätsbibliothek ergänzen die Ausstellung. In diesem Stundenbuch aus dem 16. Jahrhundert kam Minium zum Einsatz. Das bleihaltige Rot wurde in der mittelalterlichen Buchillustration verwendet – woher sich der Name Miniatur ableitet. Bildnachweis: Marisol Glasserman/TU Braunschweig

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Wechselhafte Geschichte: Nach seiner zufälligen Erfindung 1706 trat das Berliner Blau zunächst einen Siegeszug in der Staffelmalerei an, bevor es im 19. Jahrhundert als Mittel zur Fiebersenkung und gegen Malaria eingesetzt wurde. Dann verschwand es wieder von der medizinischen Bildfläche – und fand sich ab 1976 als Gegenmittel bei Thallium- und Cäsiumvergiftungen wieder. Während Thalliumvergiftungen heutzutage keine große Rolle mehr spielen (bis in die 70er Jahre war es als Rattengift verfügbar) ist der Farbstoff in der Behandlung von Cäsiumvergiftungen unersetzlich. Die Weltgesundheitsorganisation WHO führt ihn auf der Liste unentbehrlicher Arzneimittel. Präparate waren nach dem Reaktorunglück in Fukushima verstärkt im Einsatz. Bildnachweis: Marisol Glasserman/TU Braunschweig

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Schon 1709 malte Pieter van der Werff in dem Gemälde „Die Grablegung Christi“ den Mantel der Maria in dem intensiven Farbton. Es ist die älteste nachgewiesene Verwendung von Berliner Blau in der Malerei. Bildnachweis: Marisol Glasserman/TU Braunschweig

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Auch zur Kompensation des Gelbstiches von Wäsche kam Berliner Blau zum Einsatz. Bildnachweis: Marisol Glasserman/TU Braunschweig

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Rot ist nicht gleich Rot: Während diese Vitrine das „Läuse-Rot“ vorstellt, geht es nebenan um die Färberröte. Und in einer dritten Vitrine um Minium, besser bekannt als Mennige. Bildnachweis: Marisol Glasserman/TU Braunschweig

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Auch eine Schatulle mit winzigen getrockneten Kaktusschildläusen aus Mexiko ist Teil der Ausstellung. Pulverisiert wurden sie gegen Keuchhusten verabreicht – und als „Läuse-Rot“ in der Malerei verwendet. Bildnachweis: Marisol Glasserman/TU Braunschweig

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Besser nicht drüber nachdenken: Auch im Lippenstift findet sich zum Teil das leuchtende Rot aus den Schildläusen. Bildnachweis: Marisol Glasserman/TU Braunschweig

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Der rote Farbstoff aus den Wurzeln der Rubia tinctorum L. (deutsch: Färberröte oder Färberkrapp) spielte bis zur Erfindung des synthetischen Alizarins eine sehr wichtige Rolle. Gefärbt wurden unter anderem Textilien und Leder. Als Krapplack kam der Farbstoff seit der Antike in der Malerei vor. Und bereits im 1. Jahrhundert nach Christi ist auch der arzneiliche Einsatz der Wurzeln belegt. Als Mittel bei Harnwegserkrankungen wurden Zubereitungen der Wurzel über die Jahrhunderte eingesetzt. 1993 endete die Verwendung: Laborstudien wiesen auf eine krebserregende Wirkung hin und das Bundesgesundheitsamt entzog über 150 Wurzel-Präparaten die Zulassung. Bildnachweis: Marisol Glasserman/TU Braunschweig

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„Auripigment und Realgar“: Auch Gifte, wie hier Arsenverbindungen, finden sich in der „Sammlung Schneider“. Arsen war unter anderem Bestandteil von roten und gelben Farben – die in der Malerei, aber früher auch in Spielzeuglackierungen zu finden waren. Aufbewahrt werden die Substanzen natürlich gut verschlossen in einem „Giftschrank“. Bildnachweis: Marisol Glasserman/TU Braunschweig

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„Mumia“: Dieser Stoff wurde tatsächlich bis ins 20. Jahrhundert hinein zunächst aus der Füllung, mit der Leichname einbalsamiert wurden, und später auch aus Leichenbestandteilen selbst gewonnen. Man versprach sich einiges davon: Linderung oder Heilung von Kopfschmerz, Epilepsie, Lähmung, Skorpionstichen, Pest … Als Mumienbraun sollen Künstler wie Eugène Delacroix und Martin Drolling pulverisierte Mumien in ihren Werken verwendet haben. Bildnachweis: Marisol Glasserman/TU Braunschweig

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Wer schön sein will, muss leiden: Nicht nur das Porträt der Elisabeth I. von England wurde mit Cerussa, Bleiweiß, gemalt. Sie selbst hat es benutzt, um ihre Haut aufzuhellen – und Hautveränderungen abzudecken, deren Ursache vermutlich das Bleiweiß selbst war. Bildnachweis: Marisol Glasserman/TU Braunschweig

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Sieht blau aus, färbt aber grün. Aerugo, oder Grünspan, ist das älteste künstlich erzeugte chemische Präparat, das arzneilich verwendet wurde. Bildnachweis: Marisol Glasserman/TU Braunschweig

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Grünspan entsteht, wenn Weintrester, also die Reste vom Traubenpressen, auf Kupferplatten aufgebracht wird. Der dadurch entstehende Grünspan wird abgekratzt und zu Würfeln oder Kugeln gepresst. Rogier van der Weyden benutzte die Farbe für das Kleid der lesenden Magdalena. Bildnachweis: Marisol Glasserman/TU Braunschweig

Die Ausstellung wurde von der Abteilung für Geschichte der Naturwissenschaften mit Schwerpunkt Pharmaziegeschichte in Zusammenarbeit mit der Universitätsbibliothek realisiert. In einem Wahlpflichtfachprojekt haben auch Studierende der Pharmazie Themen recherchiert und Poster gestaltet. Unterstützung erfuhr die Abteilung auch von Dr. Hermann Fischer, Gründer einer Firma, die unter anderem Naturfarben herstellt.