„Make the healthy choice the easier choice“ Alumni*ae Talk: Dr. Carola Reimann über Public Health, Prävention und soziale Gerechtigkeit
Wie bleibt eine Gesellschaft gesund? Und welche Rolle spielen Wissenschaft, Politik und Gesundheitswesen dabei? Mit diesen Fragen beschäftigte sich Dr. Carola Reimann am 16. Juni 2026 im Rahmen der Vortragsreihe „Alumni*ae in the Spotlight“ an der Technischen Universität Braunschweig. Die Vorstandsvorsitzende des AOK-Bundesverbandes machte deutlich, warum Public Health, also der öffentliche Gesundheitssektor, weit mehr ist als die Behandlung von Krankheiten und weshalb Gesundheitsförderung und Prävention zu den zentralen Aufgaben unserer Gesellschaft gehören.

Dr. Carola Reimann und TU-Präsidentin Prof. Angela Ittel. Bildnachweis: Ahmed Nassef/TU Braunschweig
Bereits vor ihrem Vortrag erhielt Dr. Carola Reimann Einblicke in die aktuelle Gesundheitsforschung an ihrer Alma Mater. Im Braunschweiger Zentrum für Systembiologie (BRICS) führten sie Professor Dieter Jahn und Professor Peter Jomo Walla durch die Labore und Forschungsbereiche. Die Verbindung aus moderner Forschungsinfrastruktur, enger Zusammenarbeit verschiedener Disziplinen und gesellschaftlich relevanter Forschung beeindruckte die ehemalige Niedersächsische Ministerin für Soziales, Gesundheit und Gleichstellung und promovierte Biotechnologin. Dass Gesundheitsthemen an der TU Braunschweig aus so vielen Perspektiven gemeinsam bearbeitet werden, sei ein wichtiges Signal für die Zukunft.
Gesundheit beginnt nicht im Krankenhaus
Mit einem kritischen Blick auf den Zustand des deutschen Gesundheitssystems eröffnete Reimann anschließend ihren Vortrag. Deutschland verfüge über eines der teuersten Gesundheitssysteme Europas, erreiche bei der Lebenserwartung jedoch nur vergleichsweise schwache Werte. Die Ursachen dafür lägen vor allem in vermeidbaren Risikofaktoren wie Rauchen, ungesunder Ernährung, Bewegungsmangel und Alkoholkonsum. Gleichzeitig, so Reimann, seien Alkohol- und Tabakprodukte in Deutschland vergleichsweise niedrig besteuert und im Alltag sowie in der Werbung allgegenwärtig.
Gesundheit entstehe nicht erst in Arztpraxen oder Krankenhäusern, sondern im Alltag der Menschen – in Schulen, am Arbeitsplatz, im Wohnumfeld und in den sozialen Bedingungen ihres Lebens. Wer Gesundheitschancen verbessern wolle, müsse deshalb über die Grenzen einzelner Fachdisziplinen hinausdenken. Public Health bedeute, die gesellschaftlichen Rahmenbedingungen so zu gestalten, dass gesundes Verhalten einfacher wird. Oder, wie Reimann es formulierte: „Make the healthy choice the easier choice.“
Anhand ihrer eigenen Laufbahn spannte sie den Bogen von ihrer Zeit an der TU Braunschweig über ihre langjährige Tätigkeit in der Gesundheits- und Sozialpolitik bis hin zu ihrer heutigen Arbeit an der Spitze des AOK-Bundesverbandes. Ihre Erfahrungen aus Wissenschaft, Politik und Praxis zeigten, wie eng diese Bereiche miteinander verbunden sind und wie wichtig wissenschaftlich fundierte Entscheidungen für die Weiterentwicklung des Gesundheitssystems bleiben.
Prävention als gesellschaftliche Aufgabe
Ein zentrales Thema des Abends war die Bedeutung von Prävention und Gesundheitskompetenz. Reimann sprach sich dafür aus, den Fokus stärker auf die Vermeidung von Krankheiten zu legen und gesundheitsschädliche Konsummuster wirksamer einzudämmen. Dazu gehörten aus ihrer Sicht auch politische Maßnahmen wie höhere Steuern auf Alkohol, Tabak und stark zuckerhaltige Produkte sowie strengere Regulierungen und höhere Altersgrenzen für besonders gesundheitsschädliche Konsumgüter. Prävention sei keine zusätzliche Aufgabe, sondern eine Investition in die Zukunft des solidarischen Gesundheitssystems.
In der anschließenden Diskussion wurde deutlich, wie groß das Interesse an Fragen der Gesundheitsversorgung, Chancengerechtigkeit und Prävention ist. Die Teilnehmenden thematisierten sowohl aktuelle Herausforderungen des Gesundheitswesens als auch die Rolle von Hochschulen bei der Gestaltung gesellschaftlicher Transformationsprozesse.
Text: Melanie Schaller, Servicestelle Alumni & Career