5. November 2026 | Magazin:

„Ich konnte eine gewaltige Datenlücke in der Mitte Europas schließen“ Professor Felix Rösel über seine Forschung zur Bevölkerungsentwicklung und Datenjournalismus

In jahrelanger Puzzlearbeit hat Professor Felix Rösel vom Institut für Volkswirtschaftslehre aus mehr als 50 verschiedenen Quellen Einwohnerzahlen im Zeitverlauf für alle rund 11.000 Gemeinden in Deutschland zusammengetragen. Diese Daten zeigen, wie sich die Bevölkerung von 1871 bis 2019 verändert hat. Der SPIEGEL hat den Datensatz bis 2025 fortgeführt und kürzlich als interaktive Grafik online veröffentlicht. „Das Projekt zeigt das große Potenzial gemeinsamer Arbeit von Forschung und exzellentem Datenjournalismus“, sagt Professor Rösel. Wir haben mit ihm über seine Forschung an der „German Local Population Database“ gesprochen.

Herr Professor Rösel, die Datensammlung, die der SPIEGEL für seine interaktive Grafik als Grundlage genutzt hat, haben Sie 2022 veröffentlicht. Wie sind Sie auf die Idee gekommen, die Einwohnerentwicklung sämtlicher deutscher Gemeinden bis ins Jahr 1871 zurückzuverfolgen?

Professor Felix Rösel. Bildnachweis: Kristina Rottig/TU Braunschweig

Ein bisschen verrückt muss man schon sein. Ich habe in jahrelanger Arbeit über 50 verschiedene Datenquellen zusammengetragen, aufbereitet und abgetippt und in einen einheitlichen Datensatz zusammengeführt. Damit konnte ich eine gewaltige Datenlücke in der Mitte Europas schließen. In unseren Nachbarländern, zum Beispiel Niederlande, Österreich, Schweiz oder Tschechien, sind standardmäßig historische Einwohnerzahlen für Gemeinden ab dem 19. Jahrhunderts verfügbar. In den Niederlanden versucht man aktuell sogar, bis ins Jahr 1350 zurückzurechnen. In Deutschland gab es bundesweit dagegen gar nichts. Jedes Bundesland hat mehr oder weniger gute eigene Datensätze, manche erst ab 1990.

Wie kann man die Bevölkerungsentwicklung einer Gemeinde über 150 Jahre vergleichen, wenn sich ihre Grenzen mehrfach geändert haben?

Wenn man Daten über die Zeit vergleichen will, dürfen sich die Grenzen nicht ändern. Die Gebietsänderungen waren eine gewaltige Herausforderung. Egal ob Bundesländer, Landkreise oder Gemeinden – kaum eine Grenze ist heute noch so wie vor 150 Jahren. Man kann sich meine Arbeit deshalb wie ein großes Puzzle vorstellen. Ich habe die Daten für jedes Jahr seit 1871 so zusammengepuzzelt, dass immer die gleichen rund 11.000 Gemeinden herauskommen, die Deutschland heute hat. So wissen wir, dass auf dem Gebiet des heutigen Braunschweigs im Jahr 1871 insgesamt 68.546 Menschen lebten. Das Braunschweig in den damaligen Grenzen – also ohne spätere Eingemeindungen – hatte dagegen 57.883 Einwohner. Die Differenz sind die nach 1871 eingemeindeten Stadtteile.

Welche Erkenntnisse aus den Daten haben Sie selbst am meisten überrascht?

Mich beeindruckt, mit welcher Wucht und Geschwindigkeit einzelne Orte und Regionen aufsteigen oder aber absteigen. Ein Beispiel: Sachsen und Baden-Württemberg hatten direkt nach dem Zweiten Weltkrieg fast genauso viele Einwohner – jeweils knapp sechs Millionen. Heute, kaum 80 Jahre später, ist Baden-Württemberg mit über elf Millionen Einwohnern fast dreimal so groß wie Sachsen mit vier Millionen. Die Teilung Deutschlands hat eine ungeheure demografische Dynamik ausgelöst, die sich durch die große Abwanderung aus dem Osten nach der Wiedervereinigung nochmals verstärkt hat.

Spannend sind übrigens auch die Großstädte. Hamburg und Berlin scheinen heute förmlich aus allen Nähten zu platzen. Kaum jemand glaubt mir aber, dass in Hamburg und Berlin vor 90 Jahren etwa genauso viele Menschen lebten wie heute. Es stimmt aber!

Die Karten zeigen die jährlichen Bevölkerungswachstumsraten in deutschen Gemeinden zwischen (a) 1871 und 1939, (b) 1939 und 1987 sowie (c) 1987 und 2019. Schwarze Umrisse stellen Landkreise dar, die schwarze Linie die innerdeutsche Grenze von 1945 bis 1990. Weiß schattierte Bereiche: Keine Daten (entweder unbewohnte Gebiete oder keine Daten verfügbar). Daten: GPOP Version 1.0.. Bildnachweis: Felix Rösel

Was verraten die Einwohnerzahlen über die großen Umbrüche der deutschen Geschichte – von der Industrialisierung bis zur Wiedervereinigung?

Einwohnerzahlen sind ein Thermometer lokaler Wirtschaftsentwicklung: Wenn die Wirtschaft heiß läuft, steigen die Einwohnerzahlen. Attraktive Arbeitsmöglichkeiten ziehen junge Menschen an und die bekommen dort dann ihre Kinder. Auf eine wirtschaftliche Abkühlung folgt dagegen Abwanderung und Alterung – die Einwohnerzahlen sinken.

Meine kleinräumigen Daten machen diese Trends sichtbar, zum Beispiel das enorme Städtewachstum während der Industrialisierung. Man sieht aber auch die großen Unterschiede zwischen Bundesrepublik und DDR in der regionalen Entwicklung. Während im Westen durch Auto und Massenmobilität die großen Speckgürtel außerhalb der Städte entstehen, hat die DDR in gewaltigem Umfang Wohn- und Arbeitsstätten aus dem ländlichen Raum in die sozialistischen Kreis- und Bezirksstädte umverlagert. Das beeinflusst die Landkarte bis heute.

Was wird durch die langfristige Perspektive sichtbar, das in aktuellen Bevölkerungsstatistiken leicht übersehen wird?

Wir nehmen heute vieles als selbstverständlich hin – zum Beispiel, dass der Osten Deutschlands nur halb so dicht besiedelt ist wie der Westen und deshalb vielleicht auch nicht so produktiv sein kann wie der urbanere Westen. Das ist aber unsere heutige Perspektive. Vor dem Zweiten Weltkrieg war Ostdeutschland nämlich dichter besiedelt als der Westen! Das Pro-Kopf-Einkommen in Sachsen lag 20 Prozent über dem Durchschnitt. Heute liegt es 20 Prozent darunter. Wenn man sich dies vor Augen führt, beginnt man, so manche Empfindung besser zu verstehen.

Welche Möglichkeiten eröffnet eine solche interaktive Grafik, die eine klassische Statistik oder wissenschaftliche Veröffentlichung nicht bietet?

Das Ergebnis meiner jahrelangen Arbeit ist im Kern eine große Excel-Tabelle. So etwas ist natürlich eher etwas für Feinschmecker und die Forschung. Karten sind für die meisten Menschen deutlich spannender, aber starre Karten geben natürlich auch immer eine feste Aussage vor. Mit einer interaktiven Grafik kann sich jeder selbst ein eigenes Bild machen, eigene Vergleichszeiträume auswählen und auf diese Weise tief in bewegte deutsche Geschichte der vergangenen 150 Jahre abtauchen.

Gibt es eine Gemeinde, deren Entwicklung man unbedingt einmal in der interaktiven Grafik nachverfolgen sollte, weil sie besonders viel über die deutsche Geschichte erzählt?

Suchen Sie doch einmal die eigene Gemeinde und staunen Sie, wie gut Einwohnerzahlen die Geschichte vom wirtschaftlichen Auf- oder Abstieg Ihrer Region nacherzählen.