5. November 2026 | Magazin:

„Städtebau ist nicht ausschließlich ein großstädtisches Thema“ Professorin Lydia Rintz ist neue Leiterin des Instituts für Städtebau und Entwurfsmethodik

Was zeichnet eine zukunftsfähige Stadt aus? Welche Rolle spielen dabei vorhandene Gebäude, öffentliche Räume und Mobilität? Mit diesen Fragen beschäftigt sich Professorin Lydia Rintz, seit 1. September 2026 neue Leiterin des Instituts für Städtebau und Entwurfsmethodik. In Forschung und Lehre möchte sie Wege aufzeigen, wie sich die gebaute Umwelt in kleinen und großen Städten sowie auf dem Land klimagerecht und gemeinwohlorientiert weiterentwickeln lässt. Im Interview spricht sie über ihre Vorstellung von der Stadt der Zukunft und darüber, welche Kompetenzen sie Studierenden vermitteln möchte.

Professorin Lydia Rintz. Bildnachweis: Kristina Rottig/TU Braunschweig

Frau Professorin Rintz, Sie waren bereits in Lübeck und Münster Professorin, zwei in der Größe mit Braunschweig vergleichbare Städte mit historisch bedeutenden Altstädten. Warum haben Sie sich jetzt für die TU Braunschweig entschieden?

Die TU Braunschweig ist im Bereich der Architekturlehre und -forschung eine herausragende Institution mit einem sehr spannenden Kollegium und ganzheitlichem, zukunftsorientierten Ansatz in der Ausbildung. Am Department und fächerübergreifend bieten sich hervorragende Möglichkeiten der Zusammenarbeit. Dem Selbstverständnis der Universität, dass Transformation als gemeinsame Aufgabe von Wissenschaft, Industrie, Politik und Gesellschaft über die Grenzen traditioneller Disziplinen hinweg gemeinsam und gemeinwohlorientiert bewältigt werden muss, kann ich mich auch für mein Feld nur anschließen. Außerdem ist die Stadt Braunschweig und ihre Region ein besonders interessanter Standort für Lehre und Forschung im Städtebau, in der sich die Fragen zukunftsfähiger Stadtentwicklung in großer Vielfalt stellen. Auf die Arbeit in und mit der Stadt Braunschweig – und aus der Stadt heraus – bin ich sehr neugierig!

Wie würden Sie Ihre Arbeit einer Person erklären, die nicht mit dem Thema vertraut ist?

Als Architektin mit städtebaulichem Schwerpunkt beschäftigt mich im Kern die Frage, wie wir unsere gebaute Umwelt zukunftsfähig weiterentwickeln und den Bestand angemessen einbeziehen, das heißt klimagerecht um- und weiterbauen können. Dabei verstehe ich Städtebau als konkrete räumliche, aber auch inhaltliche Schnittstelle, die die übergeordnete, strategische Ebene der Planung mit der Quartiers- und der Gebäudeebene verknüpft.

Besonders spannend finde ich die Fragen, wie wir für eine nachhaltige Mobilität Straßenraum und Straßenrand angemessen umgestalten können, wie wir Stadträume in ihrer Nutzungsvielfalt intensivieren und neu denken können – und wie wir über notwendige Nachverdichtung einen funktionalen, gestalterischen und auch klimatischen Mehrwert erzielen können.

In Ihrem Büro ARQ in Berlin beschäftigen Sie sich überdurchschnittlich oft mit Kleinstädten und dem ländlichen Raum. Dürfen unsere Studierenden hier auch einen Schwerpunkt in der Lehre erwarten?

Auch in der Lehre ist es mir wichtig, Städtebau nicht ausschließlich als großstädtisches Thema zu betrachten. In Niedersachsen leben rund 80 Prozent der Menschen in Klein- und Mittelstädten und auf dem Land. Sie haben damit nicht nur einen erheblichen Anteil an der gelingenden Transformation, sondern ähnliche Bedürfnisse wie in den verdichteten Zentren: In allen Raumtypen ist guter Zugang zu Arbeit, Bildung und Infrastruktur, angemessener und leistbarer Wohnraum, Raum für Austausch, Begegnung und Teilhabe und die klimagerechte Gestaltung öffentlicher und privater Räume von immenser Bedeutung. Vom demografischen Wandel, der Veränderung der Arbeitswelt und dem grundlegenden Wandel in Versorgungsstrukturen sind die kleinstädtischen und ländlichen Räume mit geringerer Dichte und weniger Flächeneffizienz außerdem deutlich stärker betroffen.

Die Beschäftigung mit Klein- und Mittelstädten und dem ländlichen Raum ist für viele Studierende eng mit ihrer Lebens- und Erfahrungswelt verbunden. Auch deshalb ist sie sehr anschlussfähig für spannende Lehr- und Lehrforschungsformate. Wir werden uns am ISE intensiv mit diesen Räumen beschäftigen. Ich freue mich auf entsprechende Kooperationen mit verschiedenen Kommunen.

Bildnachweis: Kristina Rottig/TU Braunschweig

An der TU Braunschweig gibt es den Forschungsschwerpunkt „Stadt der Zukunft“. Für Sie als Städtebauprofessorin – wie muss die „Stadt der Zukunft“ aussehen?

Die Stadt der Zukunft ist bestenfalls – wie in der Neuen Leipzig-Charta als unser gegenwärtiges planerisches Leitbild einprägsam formuliert – grün, gerecht und produktiv. Sie muss resilient, anpassungsfähig und vielseitig sein und ausreichend Gestaltungsraum für Teilhabe und Erlebnis, aber auch für Experimente lassen. Die Stadt der Zukunft ist offen für verschiedene Lebensmodelle und für technische Innovation, ermöglicht ein bereicherndes Miteinander und schafft neue inhaltliche Dichte auch durch räumliche Dichte.

Was hat Sie dazu bewogen, in diesem Bereich zu forschen?

Aus meiner eigenen beruflichen und akademischen Entwicklung ergibt sich eine große Begeisterung für den Forschungs- und Handlungsraum Stadt: Die unglaubliche Komplexität und Dynamik von Stadträumen ist nicht nur aus meiner Perspektive als entwerfende Architektin hochinteressant, sie erlaubt es auch, in der Forschung eine Vielzahl gegenwärtig relevanter Themen zu betrachten, inhaltlich miteinander zu kombinieren und im engen Austausch mit Wissenschaftler*innen aus anderen Disziplinen zusammenzuarbeiten.

Am Institut für Städtebau und Entwurfsmethodik möchten wir uns in der Forschung zunächst unter anderem mit der klimagerechten und gemeinwohlorientierten Entwicklung der Wohnungsbaubestände und gewerblichen Architekturen im Bestand beschäftigen. Ein Schwerpunkt liegt dabei auf dem häufig vernachlässigten Raum der städtischen Peripherie. Weitere Themen sind qualitätssteigernde Nachverdichtung und Möglichkeiten der Flächeneinsparung auf der städtebaulichen Maßstabsebene. Über die Forschung hinaus finde ich wichtig, im engen Dialog mit Politik, Verwaltung und Zivilgesellschaft zu sein und unsere fachlichen Inhalte und Themenschwerpunkte einfach und anschaulich zu vermitteln.

Ein Teil der der Professur ist die „Entwurfsmethodik“. Was werden Sie hier in der Lehre den Studierenden vermitteln?

Durch die großen ökologischen, wirtschaftlichen, gesellschaftlichen und politischen Transformationsprozesse und anhaltende globale Krisen sehe ich als eine maßgebliche Aufgabe in der Lehre, bei den Studierenden ein Bewusstsein für diese komplexen Zusammenhänge zu schaffen und für die spätere Tätigkeit in der Planung geeignete Instrumente und Methoden zu vermitteln, um auf Unsicherheiten und Unwägbarkeiten gut reagieren zu können. Die Entwicklung einer eigenständigen Entwurfshaltung ist dafür grundlegend. Im städtebaulichen Entwurf ist es aus meiner Sicht wichtig, dass die Studierenden bauliche Strukturen und den umgebenden (Frei-) Raum als planerische und gestalterische Einheit begreifen und lernen, unterschiedliche Maßstäbe – von der Stadt ins Quartier bis ins Gebäude – zusammenzudenken und zu entwickeln. Über praxisnahe Aufgabenstellungen trainieren die Studierenden diese Fähigkeiten in Analyse und Entwurf – und lernen darüber hinaus, erarbeitete Inhalte über aussagekräftige Darstellungen und Präsentationen gut und nachvollziehbar zu kommunizieren.

Ihr Vorgänger, Professor Uwe Brederlau, hat sich hier auch immer aktiv für den Göderitz-Preis engagiert. Werden Sie das weiterführen oder stellen Sie andere Wettbewerbe für Studierende in den Fokus?

Ich freue mich sehr, dass Professor Uwe Brederlau mir vorgeschlagen hat, mit der Institutsleitung auch den Vorsitz der Johannes-Göderitz-Stiftung zu übernehmen. Die Arbeit der Stiftung wird dadurch weiterhin eng mit der TU Braunschweig verbunden sein. Die Auslobung des Göderitz-Preises bleibt als wichtiges Wettbewerbs-, Lern- und Austauschformat mit vielen anderen Hochschulen fester Bestandteil der Arbeit des Institutes. Auch darüber hinaus möchten wir als Institut die Wertschätzung und Sichtbarkeit der Arbeit der Studierenden durch die Teilnahme an Wettbewerben und die Entwicklung spannender Ausstellungs- und Transferformate stärken.

Wie sieht Ihr Arbeitsalltag in drei Schlagworten aus?

Abwechslungsreich, lernintensiv, erfüllend!