05.04.2017 | Magazin:

Aus der Betriebsarztpraxis: Gähnen. Unhöflich oder unterschätzt? Dr. Ulrich Loth klärt auf

Vor dem Zubettgehen, in einem langen Vortrag oder einfach nur so: Gähnen stellt sich bei uns allen hin und wieder spontan ein. Wir können es auch provozieren, indem wir den Mund weit öffnen – und dabei ans Gähnen denken.

Mussten Sie jetzt schon gähnen? Wenn ja, ist das kein Wunder. Denn Gähnen ist „ansteckend“. Dabei kann es nicht nur durch visuelle bzw. akustische Wahrnehmung ausgelöst werden, also wenn unser Gegenüber uns „angähnt“. Schon das Lesen des Wortes oder der bloße Gedanken daran kann ausreichen.

Sehr mitfühlende Menschen lassen sich laut der Forschung eher anstecken als solche mit geringerem Einfühlungsvermögen. Insbesondere autistische und psychopathische Menschen können sich bekanntermaßen schlecht in andere hineinversetzen. Und nicht nur Menschen sind betroffen: Gähnen überträgt sich auch von Menschen auf Tiere, gemäß Studien insbesondere auf eigene Hunde.

Ein Hund gähnt.

Gähnen ist ansteckend – auch zwischen Mensch und Tier. Bildnachweis: Henrike Hoy/TU Braunschweig

Was passiert beim Gähnen?

Gähnen führt zu einem besonders tiefen Atemzug und geht mit einer Weitung des Mund-, Rachen- und Halsraumes einher. Die Vergrößerung des Resonanzraumes führt zu einer tragfähigeren Stimme. Dies wird unterstützt durch Anhebung des weichen Gaumens, die Tieferstellung des Kehlkopfes und begleitet durch vermehrte Zwerchfellaktivität. Probieren Sie es doch einmal aus: Nach dem Gähnen haben Sie die optimale Einstellung für das Sprechen und Singen!

Ein Nebeneffekt: Mit dem Gähnen gelangt mitunter auch Tränenflüssigkeit in die Augen. Die Sekretion von Tränen wurde dann durch Nervenfasern des Parasympathikus stimuliert. Die Ruheproduktion liegt übrigens bei rund einem Milliliter pro Tag. Bei einer Reizung – zum Beispiel durch Fremdkörper oder Emotionen – kann es zu einer Steigerung um mehr als das 100-fache kommen.

Warum gähnen wir überhaupt?

Gähnen ist ganz natürlich. Wahrscheinlich tritt es sogar schon vor der Geburt auf. Entsprechende Ultraschallaufnahmen zeigen einen ähnlichen Ablauf bei Ungeborenen. Häufig wird es gleichgesetzt mit Müdigkeit oder Langeweile. Dies ist ein weit verbreitetes Vorurteil! Gähnen kann auch im hellwachen und im konzentrierten Zustand auftreten, wie es beispielsweise bei Fallschirmspringern vor dem Sprung beobachtet wurde.

Zunehmend interessiert sich auch die Wissenschaft für das Gähnen als Forschungsobjekt. So fand die erste internationale Konferenz zu dem Thema im Juni 2010 in Paris statt. Diskutiert werden verschiedene Theorien des Gähnens:

  • Verbesserung der Sauerstoffversorgung des Gehirns
  • Kühlung und Thermoregulation des Gehirns
  • Steigerung der Aufmerksamkeit

Die dritte These erscheint dabei am plausibelsten: Gähnen kann zur Steigerung der Aufmerksamkeit führen. Das kann sowohl in fordernden Situationen – wie vor dem Fallschirmsprung – als auch in monotonen Situationen wie beim langatmigen Vortrag sinnvoll sein. Möglicherweise dient es auch der Stimmungsübertragung und Synchronisation von Gruppen und Aktivitäten. Aus meinen Beobachtungen als Arzt und Sänger gehe ich davon aus, dass es insbesondere ein Zeichen beginnender Entspannung ist und somit dann auftritt, wenn unsere Lebensenergie wieder in Fluss kommt.

Ein Beitrag von Dr. Ulrich Loth