05.12.2017 | Magazin:

Einer der freiesten Geister seiner Zeit Vier Fragen zu Wilhelm von Humboldt an Professor Cord-Friedrich Berghahn

Auf Einladung des Bundespräsidenten war Professor Cord-Friedrich Berghahn, Institut für Germanistik, jetzt in Schloss Bellevue zu Gast. Anlass war Wilhelm von Humboldt, dessen 250. Geburtstag sich jährte. Zur Diskussion standen Humboldts Ideen der Freiheit der Wissenschaft und der Universalität der Bildung. Berghahn hat den Gelehrten in seiner Habilitation ausführlich thematisiert und gibt das Wilhelm von Humboldt-Handbuch heraus, das 2018 im Metzler-Verlag erscheinen wird.

Herr Professor Berghahn, was ist Ihre persönliche Perspektive auf Wilhelm von Humboldt?

Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier mit Cord-Friedrich Berghahn und seiner Frau Maria-Rosa. Bildnachweis: Cord-Friedrich Berghahn.

Humboldt ist für mich einer der freiesten Geister seiner Zeit und als solcher gerade heute von Bedeutung – als ein Mensch nämlich, der Autonomie ernst nimmt, als Herausforderung sieht und zugleich als Chance begreift. Darüber hinaus fasziniert mich, mit welcher Intensität Humboldt alle Bereiche des Wissens bearbeitet hat und mit welcher Leidenschaft er die großen Projekte seines Lebens – die Ästhetik, die Antike, die Bildung, die Anthropologie und die Sprache – verfolgt hat.

Als Staatstheoretiker und Politiker steht Humboldt für eine Politik der Freiheit und Vorurteilslosigkeit, was sich in seinen liberalen Staatsentwürfen zeigt und was in seinem Entwurf eines Gesetzes zur Emanzipation der Juden (1812) für kurze Zeit sogar Realität wurde. Und natürlich begeistert mich die visionäre Effektivität, mit der dieser Privatgelehrte in den wenigen Jahren seiner politischen Tätigkeit die schulischen und universitären Institutionen Preußens vollkommen neu und zukunftweisend gestaltet hat.

Warum hat man Sie zu der Veranstaltung des Bundespräsidenten eingeladen?

Ich arbeite zurzeit am „Wilhelm von Humboldt-Handbuch“, das die bisher geleistete Forschung zu ihm systematisiert, die bisher vorgelegten Werkausgaben erfasst und darstellt und damit die Basis für die weitere wissenschaftliche Erschließung dieses polyzentrischen Denkers bilden soll. Darüber hinaus habe ich in meiner (an der TU Braunschweig vorgelegten) Habilitationsschrift „Das Wagnis der Autonomie“ Wilhelm von Humboldts sehr vielschichtiges Gesamtwerk in den Blick genommen. Aus diesen Gründen dürfte das Bundespräsidialamt auf mich zugekommen sein.

Wie viel Humboldt steckt noch in den Universitäten heutigen Zuschnitts?

Nicht mehr viel. Und man muss ehrlich sagen, dass auch Wilhelm von Humboldt seine ehrgeizigen universitätspolitischen Ziele nur unvollständig umsetzen konnte. Er wollte nämlich die Universitäten finanziell unabhängig machen, ausgestattet jeweils mit großzügigen Dotationen, Ländereien und Vermögen (das aus den 1803 aufgelassenen geistlichen Ländereien stammen sollte). Diese Unabhängigkeit aber war der Politik von Anfang an unheimlich, und man hat sie bewusst nicht umgesetzt.

Anders in Amerika: Die großen und heute weltweit erfolgreichen privaten Universitäten des Landes (aber auch nur die, nicht die armen privaten und staatlichen) haben sich Humboldts Ideen zum Vorbild genommen. Deshalb ihre Effektivität, deshalb ihre wissenschaftliche Bedeutung und ihre ökonomische Selbstständigkeit.

Was würde er womöglich der TU Braunschweig raten?

Das ist schwer zu sagen. Technische Universitäten wie die unsere hatte er nicht auf dem Schirm, weil er das Autonome der Wissenschaft in den Philologien, in Geschichte, Philosophie und ein klitzekleines Bisschen auch in der Theologie sah. Die technischen Fächer gehörten für ihn in die Fachschulen, er begriff ihre Lehre als anwendungsbezogen und nicht als autonom.

Trotzdem kann man vermuten, dass ihn das Drittmittelgewese (und auch gesellschaftspolitische Vorgaben in Ausschreibungstexten, die nicht wissenschaftlich begründet sind) sehr irritiert hätten. An Schiller – mit dem er eng befreundet war und an dessen Werk er großen Anteil nahm – hat ihn dessen unablässige Produktion befremdet, seine Unfähigkeit, einmal ziel- und vorgabelos zu forschen, also wirkliche, autonome, nicht auf Verwertung zielende Wissenschaft im emphatischen Sinn zu betreiben. Diese Art von freier und autonomer Forschung (und Lehre) hat er als Lebensform über alle anderen gestellt und mit den Schlagworten „Einsamkeit“ und „Freiheit“ aus den Niederungen des Lebens herausgehoben.

Andererseits hätte er natürlich die latente Unterfinanzierung der Universitäten gesehen und so das Scheitern seiner Idee einer autonomen Universität. Sicher aber würde er die Depotenzierung des Abiturs durch die so genannte Offene Hochschule und die Aufweichung der Examina durch modularisierte Studiengänge ebenso ablehnen wie die drohende Erosion des universitären Doktorgrads durch die Beteiligung der Fachhochschulen oder die noch fragwürdigeren außeruniversitären Promotionen. Auf die Würde und Bedeutung der Universität und ihrer Prüfungen und Titel hat er immer wieder hingewiesen und diese zu einem Kernstück seiner Hochschulpolitik gemacht. Er sah gerade darin den Garant für ein Leistungsprinzip, das transparent ist und damit sowohl immun gegen tagespolitische Vorgaben wie gegen Korruption.