13.06.2019 | Magazin:

Ein Seelöwe aus Beton paddelt um die Wette Bauingenieurwesen-Studierende fahren zu Betonkanu-Regatta nach Heilbronn

Ein Kanu aus Beton? Ist das nicht zu schwer? Geht es nicht unter? Den Beweis, dass Betonboote schwimmen, treten in diesem Jahr wieder Bauingenieurwesen-Studierende der TU Braunschweig an. Am 28. und 29. Juni paddelt das Team „Sealions“ bei der 17. Betonkanu-Regatta über den Neckar in Heilbronn.

Noch gut verpackt: Aileen Westphal, Antonia Treyhorn und Barbara Tödter (v.l.) überprüfen ihr Betonkanu vor der Ausschalung. Bildnachweis: Bianca Loschinsky/TU Braunschweig

Seit Oktober entsteht im „Schwarzbau“ des Instituts für Baustoffe, Massivbau und Brandschutz (iBMB) der Seelöwe – ein etwa fünf Meter langes und 80 Zentimeter breites Boot nach dem Vorbild eines Kanadiers. Aufgabe für die Regatta war, ein stabiles und leichtes Boot aus dem zementgebundenen Baustoff zu konstruieren, das wasserdicht ist und natürlich auch fahren kann. Für die 27 Studierenden ein praktisches Projekt, das im Sommersemester erstmalig als Modul für Bauingenieure angeboten wird. „Wir können uns dabei mit dem Baustoff, aber auch mit Verschalungsbau und Baustoff-Firmen auseinandersetzen“, berichtet die Bauingenieurwesen-Studentin Barbara Tödter.

Aus „Ronja“ wird ein „Seelöwe“

Ein Boot der Kanu Wanderer Braunschweig diente den Studierenden als Vorlage. Mit Montageschaum erstellten sie ein Negativ des Kanus „Ronja“. Zusätzlich trugen die Studierenden Silikon auf, um eine glatte Schaloberfläche und somit auch eine möglichst glatte Betonoberfläche nach dem Ausschalen zu erhalten. Anschließend wurde der Beton Stück für Stück in die Schalung gespachtelt, eine Carbon-Bewehrung eingelegt und wieder gespachtelt.

„Wir benötigen für unser Kanu eine möglichst geringe Betonrohdichte“, erklärt Bauingenieurwesen-Studentin Aileen Westphal. „Deshalb verwenden wir ein Blähglasgranulat aus Recyclingglas. Das ist sehr leicht.“ Auch die Carbon-Bewehrung habe „quasi kein Gewicht“ und sei zudem sehr dünn, so dass die Wandstärke stark reduziert werde. Dennoch wird das Kanu am Ende rund 100 Kilogramm wiegen. Zum Vergleich: Ein „normaler“ Zweisitzer aus Polyethylen oder glasfaserverstärktem Kunststoff hat ein Gewicht zwischen 30 und 40 Kilogramm.

Mit Montageschaum entsteht ein Negativ des Kanus. Bildnchweis: Team Sealions/TU Braunschweig

Nach und nach wird der Beton in die Schalung gespachtelt. Bildnachweis: Team Sealions/TU Braunschweig

Nachdem die Studierenden die erste Schicht Beton in die Schalung gespachtelt hatten, wurde die Bewehrung eingelegt und in den Beton gedrückt. Bildnachweis: Team Sealions/TU Braunschweig

Und nochmal Beton! Anschließend wurde die gesamte Oberfläche mit einer Folie abgedeckt, um eine frühzeitige Austrocknung zu verhindern. Bildnachweis: Team Sealions/TU Braunschweig

Fast fertig! Jetzt muss noch der Boden von der Schalung gelöst und die scharfen Kanten abgeschliffen werden. Bildnachweis: Team Sealions/TU Braunschweig

Betonkanu "Löwenzahn" hat einen Ehrenplatz am Institut für Baustoffe, Massivbau und Brandschutz (iBMB). Für einen Doktorhut wurde dem Boot ein Stück Beton entnommen. Bildnachweis: Bianca Loschinsky/TU Braunschweig

Das richtige Beton-Rezept

In den vergangenen Jahren haben die Studierenden am iBMB immer wieder an den richtigen Beton-„Rezepten“ getüftelt. Unterstützt werden sie dabei von verschiedenen Industriepartnern, die Material spenden. „Der Beton muss sehr fest, aber gleichzeitig eben auch sehr leicht sein“, so David Nicia, wissenschaftlicher Mitarbeiter am iBMB.

2017 hatte das Team der TU Braunschweig vor allem auf Nachhaltigkeit geachtet. Für das „FlaXship“ wurde eine Flachsfaser-Bewehrung eingebaut. In diesem Jahr setzen die „Sealions“ auf die für den Betonkanubau eher übliche Carbon-Bewehrung. Beim Beton hat sich das Team 2019 an der Mischungsberechnung des „FlaXships“ orientiert. „Insgesamt haben wir die Rezeptur noch etwas verändert, so dass sich der Beton beim Spachteln besser verarbeiten ließ“, erzählt Aileen Westphal. Und die Form des Kanus wurde optimiert. „Es ist jetzt wesentlich paddlerfreundlicher“, so Barbara Tödter. Schließlich soll das Kanu nicht nur an Land präsentiert, sondern auch wirklich vorwärts kommen. Ein Zweier-Damen- und ein Herren-Team gehen in Heilbronn in der Wettkampfklasse an den Start. Eine gerade Strecke und ein Slalom-Parcours müssen bewältigt werden. Die jeweils Schnellsten und Wendigsten gelangen in die nächste Runde. Deshalb wollen die „Sealions“ vorher das Paddeln auf der Oker üben. Möglichst mit dem Beton-Kanu.

In der Hängematte nach Heilbronn

Dass das Boot bei der Probefahrt in der Oker untergeht, befürchten die Studierenden nicht. „Das größte Problem sind mögliche Risse im Beton“, erklärt Aileen Westphal. Und dass das Boot beim Ausschalen oder auch beim Transport nach Heilbronn zerbricht. Das Kanu wird in einer Hängematte gebettet und im Laster an den Neckar gefahren. Alle 27 Studierenden, die in diesem Jahr mit dem Bau des Kanus beschäftigt sind, kommen mit zur Regatta. Neben dem Wettkampf werden die Gestaltung des „Sealions“-Stands und Team-Shirts bewertet. Mehr als 100 Mannschaften werden ihre selbstgebauten Boote präsentieren – und zeigen, dass Beton schwimmt.