09.11.2018 | Magazin:

Die Erinnerung wach halten Gedenken für die Opfer des Nationalsozialismus an der TU Braunschweig

Mehr als 50 Angehörige der damaligen TH Braunschweig wurden in der Zeit des Nationalsozialismus von der Hochschule vertrieben, entlassen, diskriminiert, verfolgt, ermordet. Die Opfer waren Studierende, Professoren, Assistenten, Arbeiter. Um diesen Menschen zu erinnern, fand am 9. November 2018 – der Tag, an dem sich die Reichspogromnacht zum 80. Mal jährte –  eine Gedenkveranstaltung an der Carolo-Wilhelmina statt.

An der Stolperschwelle legten der AStA-Vorstand und die Präsidentin der TU Braunschweig einen Kranz und ein Gebinde nieder. Auch Studierende sowie Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter hatten Blumen mitgebracht. Bildnachweis: Kristina Rottig/TU Braunschweig

An der Stolperschwelle vor dem Altgebäude hielten Studierende sowie Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter inne, als Greta Bodó vom AStA-Vorstand die Namen aller Opfer vorlas. „Wir sehen uns als Vertretung der Studierendenschaft verpflichtet, dass niemals jemand vergessen wird“, hatte der AStA in seiner Einladung zum Gedenken geschrieben. „Wir alle sind Mitglieder dieser Hochschule, wir alle sollten durch eine lebendige Erinne­rungskultur und unser Handeln im Alltag diesem Verblassen entgegentreten“, betonte Sören Meier vom AStA in seiner Ansprache vor der Kranzniederlegung. Erneut könne mit Angst und Ausgrenzung Politik betrieben werden, erneut werde die Entlassung von Lehrenden gefordert, weil sie nicht in das politische Weltbild der Hetzenden passen, erneut folgen – getrieben von solchen verbalen Angriffen – nicht selten Taten. „Es obliegt uns, sich diesem entgegenzustellen.“

Zivilcourage zeigen

Die Präsidentin der TU Braunschweig, Professorin Anke Kaysser-Pyzalla, erinnerte daran, dass von den Hochschulen in der Zeit der nationalsozialistischen Herrschaft kein Widerstand ausgegangen sei. „Ich wünsche mir, dass wir alle dazu gelernt haben“, mahnte sie. Heute gebe es wieder Ansätze. Lehrende würden auf Internetplattformen denunziert. Auch an der TU Braunschweig gab es rechtsextreme Schmierereien, die Stolperschwelle wurde mehrfach übermalt. „Das ist absolut verabscheuungswürdig“, sagte die Präsidentin. Sie appellierte an alle, Zivilcourage zu zeigen und das Andenken zu schützen.

An der Stolperschwelle vor dem Altgebäude fand die Gedenkveranstaltung statt. Bildnachweis: Kristina Rottig/TU Braunschweig

Die Stolperschwelle an der Freitreppe vor dem Altgebäude hält seit 2014 die Erinnerung an die zahlreichen Opfer des Nationalsozialismus wach. Diese hatte der Kölner Bildhauer Gunter Demnig in Kooperation mit dem Verein „Stolpersteine für Braunschweig e.V.“ verlegt. Die Stolperschwelle trägt die Inschrift: „In Erinnerung an die Opfer des Nationalsozialismus an unserer Hochschule. Diskriminiert, entlassen, vertrieben, verfolgt, ermordet.“

Verhaftet und gefoltert

Von den 51 von der TH Braunschweig vertriebenen und entlassenen Menschen flohen 15 ins Ausland, fünf blieben auch nach dem Krieg im Exil. Insgesamt kehrten nur elf Dozenten nach dem Krieg an die TH Braunschweig zurück. Sechs waren 1945 nicht mehr am Leben. So wie Michael Wolfson. Der Lektor für russische Sprache wurde im Juni 1933 auf Grund seiner jüdischen Abstammung und seines jüdischen Glaubens entlassen. Michael Wolfson wurde 1943 ins Konzentrationslager Auschwitz deportiert, wo er am 24. August desselben Jahres starb.

Die Namen der Opfer nationalsozialistischer Verfolgung an der TH Braunschweig 1930 bis 1945. Auf folgenden Gedenktafeln werden exemplarisch die Lebenswege einzelner Opfer beschrieben. Bildnachweis: Universitätsarchiv/TU Braunschweig

Gustav Schmidt (1908 - 1933). Bildnachweis: Universitätsarchiv/TU Braunschweig

Michael Wolfson (1891 - 1943). Bildnachweis: Universitätsarchiv/TU Braunschweig

Siegfried Arndt (1879 - 1958). Bildnachweis: Universitätsarchiv/TU Braunschweig

Gerhard von Frankenberg (1892 - 1957). Bildnachweis: Universitätsarchiv/TU Braunschweig

Gustav Gassner (1881 - 1955). Bildnachweis: Universitätsarchiv/TU Braunschweig

Heinrich Grönewald (1909 - 1957). Bildnachweis: Universitätsarchiv/TU Braunschweig

Siegfried Hilpert (1884 - 1951). Bildnachweis: Universitätsarchiv/TU Braunschweig

Ilse Rüder (1887 - 1936). Bildnachweis: Universitätsarchiv/TU Braunschweig

Wilhelm Staats (1888 - 1977). Bildnachweis: Universitätsarchiv/TU Braunschweig

Kurt Strüver (1893 - 1967) und Walter Strüver (1894 - 1970). Bildnachweis: Universitätsarchiv/TU Braunschweig

Gustav Schmidt, Vorsitzender der Sozialistischen Studentengruppe, wurde wegen seiner politischen Überzeugung nicht in den Schuldienst übernommen. Im Rahmen einer „Sühneaktion“ für einen erschossenen SS-Mann wurde er mit rund 400 anderen Personen verhaftet und gefoltert. Gustav Schmidt starb am 4. Juli 1933, ermordet von der SS.

Auch Ilse Rüder – 1908 erste Pharmaziestudentin und seit 1913 Assistentin an der TH Braunschweig – wurde 1933 aus politischen Gründen aus dem Staatsdienst entlassen. Sie war Mitglied in der SPD und engagierte sich in der Friedensgesellschaft. Sie starb am 24. August 1936. Vermutlich nahm sie sich das Leben.