12.10.2017 | Magazin:

Der mit dem Weltraumschrott tanzt Raumfahrtforschung trifft Kunstprojekt

Im Weltraum wird es langsam voll: Schrott umrundet die Erde, rund 750.000 Objekte von mehr als einem Zentimeter Größe. Kaputte Satelliten, verlorene Schraubenschlüssel und Raketenreste rasen hoch über unseren Köpfen hinweg. Auch die internationale Raumstation ISS musste schon mehrfach All-Müll ausweichen. Einer, der sich künstlerisch mit den Weltraumtrümmern auseinandersetzt, ist Michael Najjar.

Michael Najjar beim Kosmonautentraining in Star City bei Moskau. Bildnachweis: © Thomas Rusch

Sein Video „orbital cascade_57–46“ simuliert die Anzahl defekter Objekte in der Erdumlaufbahn von 1957 bis 2046. Entstanden ist es in Zusammenarbeit mit dem Institut für Raumfahrtsysteme der TU Braunschweig. Die Animation wurde inzwischen weltweit in Museen, auf Biennalen und Festivals sowie während der Klimakonferenz in Marrakesch 2016 gezeigt. Im November ist das Kunstprojekt beim Noorderlicht Photofestival in den Niederlanden zu sehen. Im Interview erklärt der Berliner Künstler, der schon lange ein Ticket als Astronaut in der Tasche hat, wieso er sich mit Weltraumschrott beschäftigt.

Sie sind als Künstler eng mit extraterrestrischen Themen verbunden. Wie entstand die Idee zu „orbital cascade_57-46“?

Ich arbeite seit 2011 zu neuen Weltraumtechnologien. Das betrifft ganz unterschiedliche Bereiche, wie die Entwicklung neuer Antriebssysteme, Raketensysteme, Satellitentechnologien, Architektur im Weltraum, Besiedelung anderer Monde oder Planeten bis hin zu meinem eigenen Weltraumtraining, da ich ja selbst auch ins All fliegen werde. Durch die Beschäftigung mit der Grundidee des Reisens durch das All ist natürlich auch irgendwann das Thema Weltraumschrott aufgepoppt. Das fand ich sehr faszinierend, weil es etwas war, über das ich noch nicht so Bescheid wusste.

Über meine Recherche zu Weltraumschrott stieß ich auf die TU Braunschweig. Ich habe beim Institut für Raumfahrtsysteme angefragt, ob mich die Wissenschaftler bei meiner künstlerischen Arbeit unterstützen und mit mir zusammenarbeiten würden.

Wie sah diese Unterstützung durch das Institut für Raumfahrtsysteme aus?

Mir ging es darum, die Datenbanken der Technischen Universität Braunschweig zu nutzen, um daraus eine Animation, einen Film zu machen. Ich habe gesehen, dass die Forscher bereits bestimmte Visualisierungstools entwickelt hatten, um die Population des Weltraumschrotts darzustellen. Ich fand das aber noch etwas rudimentär und wollte wissen, ob man das in etwas anderer und besserer Qualität darstellen kann und vor allem auch ob man eine Entwicklung über einen längeren Zeitraum visualisieren kann. Mich hat interessiert, wie sich der Weltraumschrott von 1956 mit Sputnik bis heute und auch in der Zukunft entwickelt.

Installationsansicht „orbital cascade_57-46“. HD video 16:9, single channel, stereo, 6.00 min. Bildnachweis: © Michael Najjar

new earth (2017) aus der Werkgruppe "outer space". 132 x 202 cm, Hybridfotografie, Archival Pigment Print, Diasec, Aludibond, Aluminiumrahmen. Bildnachweis: Courtesy the artist, © Michael Najjar

space garden (2013) aus der Werkgruppe "outer space". 132 x 202 cm, Hybridfotografie, Archival Pigment Print, Diasec, Aludibond, Aluminiumrahmen. Bildnachweis: Courtesy the artist, © Michael Najjar

Installationsansicht Moskau Biennale, 2017. Bildnachweis: © Michael Najjar

Hat Sie überrascht, was Sie in den Daten gesehen haben?

Ja, erst einmal ist die Menge an Objekten erstaunlich und auch die exponentielle Zunahme über die Dekaden. Am interessantesten war natürlich die Prognose, wo diese Entwicklung hinführt, wenn bestimmte Ereignisse eintreten – wie Kollisionen, die durchaus realistisch sind. In der Visualisierung haben wir deshalb auch zwei Ereignisse implementiert, die zu einem massiven Anstieg des Weltraumschrotts führen würden. Das zu sehen, ist doch bedenklich.

Die Trümmer im Weltraum stellen eine ernstzunehmende Gefahr für Satelliten, Raumstationen und die bemannte Raumfahrt dar. Jede Kugel, die man im Film sieht, steht für ein reales Objekt, das im Orbit kreist. Und das sind im Laufe der Animation wirklich viele. Das Video wirkt jedoch zunächst nicht bedrohlich, sondern eher faszinierend.

Als Künstler arbeitet man auf unterschiedlichen Wahrnehmungsebenen – visuellen, intellektuellen, ästhetischen, die den Betrachter in unterschiedlichen Bereichen herausfordern oder auch in unterschiedliche Richtungen lenken. Wenn man das „orbital cascade“-Video betrachtet und zunächst keinen Bezug zu dem Thema hat, ist man erst einmal davon fasziniert und ästhetisch sehr angesprochen. Wenn sich die Kugeln bewegen, immer mehr werden und die virtuelle Kamera hindurchfliegt.  Das löst also erst einmal ein Gefühl der Zustimmung und der Faszination aus. Wenn sich der Betrachter dann jedoch über Paratexte mit dem Inhalt der Arbeit beschäftigt und plötzlich realisiert, dass das, was er als so schön empfunden hat, eigentlich nichts anderes als Müll und Umweltverschmutzung ist, entsteht ein intellektueller Prozess, der zu einem Schockmoment führt.

Sie haben den Film bereits bei verschiedenen Ausstellungen präsentiert. Wie waren die Reaktionen?

Wir haben das Video an einigen interessanten Orten gezeigt, zum Beispiel auf der Biennale in Indien. Dort wurde die Arbeit auf den Boden projiziert. Der Betrachter wurde also umgeben von Weltraumschrott, der ihn umkreist. Das nennt man in der Kunst „immersiv“ – man taucht also in die Situation ein. Für viele Besucher hat dies einen Aha-Effekt, weil 90 bis 95 Prozent der Betrachter überhaupt nicht wissen, dass diese Objekte existieren.

Es ist wichtig, unseren existenziellen Bezugsrahmen zu erweitern von einem, der nur erdgebunden ist hin zu einem, der die erdnahen Orbits und den Weltraum als solchen mit einbezieht. Wir werden in der Zukunft verstärkt die Erde verlassen und auch auf Raumstationen leben und temporär arbeiten. Und damit gehört der Weltraumschrott in die Thematik der Umweltverschmutzung unseres Lebensraums.

Sie setzen sich nicht nur künstlerisch mit Weltraum auseinander. Sie planen, auch selbst mit einem Raumgleiter in den Weltraum zu fliegen. Sie haben bereits vor einigen Jahren, bei Virgin Galactic, der Firma des britischen Milliardärs Richard Branson, eine Reise ins All gebucht.

Ja, ich möchte diese Erfahrung selbst am eigenen Leib machen. Das ist nicht nur der Weltraumflug als solcher, sondern auch die ganzen Vorbereitungen, das Training, um mich auf den Flug vorzubereiten. Die Möglichkeit, den Planeten einfach mal von oben zu sehen, aus dieser Metaperspektive, wird sicherlich ein sehr einschneidendes Erlebnis.

Sie gehen davon aus, dass Sie diesen Flug irgendwann tatsächlich machen?

Selbstverständlich. Es gibt momentan kein festes Datum. Seit dem Absturz des Raumgleiters vor zwei Jahren ist das Projekt deutlich in Verzug geraten. Der neue Raumgleiter ist gebaut, es gibt finale Testflüge. Wir sind jetzt kurz vor dem Testflug mit integriertem Raketenantrieb. Wir sind ganz zuversichtlich, dass bis Ende nächsten Jahres der Jungfernflug starten kann.

Das heißt, sie könnten den Weltraumschrott, tatsächlich aus der Nähe sehen?

Das werde ich nicht, weil wir nicht ganz so hoch fliegen.