04.06.2013 | Presseinformationen:

Der Hula-Frosch ist nicht ausgestorben – doppelte Wiederentdeckung eines lebenden Fossils

Biologische Sensation und Hoffnungsschimmer für den Naturschutz: Der für ausgestorben erklärte Hula-Frosch aus Israel taucht nach fast 70 Jahren wieder auf. Genaue Untersuchungen unter Beteiligung von Forschern der Technischen Universität Braunschweig zeigten zudem, dass es sich um ein echtes lebendes Fossil handelt, welches keine direkten Verwandten unter den heute lebenden Fröschen besitzt.
(Nature Communications, 4. Juni 2013, doi 10.1038/ncomms2959)

Der wiederentdeckte Hula-Frosch, Latonia nigriventer. Foto: Frank Glaw

Ein einzigartiges Merkmal des Hula-Frosches ist seine auffällige schwarze Bauchseite mit weißen Punkten. Foto: Frank Glaw.

Der Lebensraum des wiederentdeckten Frosches im Hula-Naturschutzgebiet in Israel. Foto: Miguel Vences.

Als eine Naturschutz-Kommission im Jahr 1996 den Status des israelischen Hula-Frosches (Latonia nigriventer) untersucht, steht bald fest: Der Lebensraums der Art ist weitgehend durch die Intensivierung der Landwirtschaft zerstört, und seit 1955 ist kein einziges Tier mehr beobachtet worden. Die Art wird somit offiziell als ausgestorben deklariert, als eine der ersten Amphibienarten überhaupt.

Dies markierte den Beginn eines traurigen Trends: Eine immer größere Zahl von Amphibien (Fröschen, Molchen, Salamandern und Blindwühlen) auf unserem Planeten sind bedroht, und über 30 Arten starben in den vergangenen Jahrzehnten aus. Viele Forscher sprechen bereits von dem Beginn einer Ära des Massen-Aussterbens dieser Tiergruppe.

Doch in manchen Fällen gibt es vielleicht noch Hoffnung. Ein Team von israelischen, französischen und deutschen Wissenschaftlern berichtet nun in der renommierten wissenschaftlichen Zeitschrift Nature Communications über die Wiederentdeckung des Hula-Frosches. Nach langjährigen Maßnahmen zur Wiederherstellung von Teilen seines ursprünglichen Lebensraum in Israel – nahe der Grenze zu Syrien und dem Libanon – wurden erstmals wieder mehrere Exemplare in einem wiederbewässerten Schutzgebiet entdeckt.

„Diese Wiederentdeckung hat Biologen auf der ganzen Welt begeistert, denn es zeigt, dass sich Naturschutz selbst in scheinbar hoffnungslosen Fällen auszahlen kann“, so der an der Studie beteiligte Amphibienspezialist und Evolutionsbiologe Prof. Dr. Miguel Vences von der Technischen Universität Braunschweig.

Prof. Dr. Sarig Gafny von der israelischen Ruppin Universität, der die wiederentdeckten Frösche in ihrem Lebensraum untersuchte, ergänzt: „Es ist unglaublich, dass diese Amphibienart seit über 60 Jahren in dieser intensiv untersuchten Region unentdeckt überlebt hat. Vielleicht kann dieser israelische Frosch zum Trendsetter werden – möglicherweise haben auch Amphibien in anderen Winkeln der Erde überlebt, die wir bereits als ausgestorben ansehen“.

Durch die neuen Funde wurde auch erstmals eine nähere wissenschaftliche Betrachtung dieser rätselhaften Tierart möglich, denn bis dahin waren überhaupt nur drei Exemplare jemals gefangen worden. Dies führte zu der nächsten Überraschung: Der Hula-Frosch unterscheidet sich deutlich von seinen vermuteten westeuropäischen und nordafrikanischen Verwandten, den sogenannten Scheibenzünglern. Stattdessen gehört dieser stattliche, bis zu neun Zentimeter große Frosch zu einer Gattung von fossilen Riesenfröschen, in den letzten zehn Millionen Jahren ganz Europa besiedelte.

Die Paläontologin Rebecca Biton von der Universität Jerusalem untersuchte die Skelette des Hula-Frosches gemeinsam mit ihren französischen Kollegen Salvador Bailon und Renaud Boistel und verglich sie mit Jahrmillionen alten Fossilien aus ganz Europa. „Es war faszinierend zu entdecken, dass der Hula-Frosch in einer ganzen Reihe von Merkmalen genau mit diesen Fossilien der Latonia-Riesenfrösche  übereinstimmt und somit eindeutig zu dieser Gattung gehört.“

Dass es sich bei dem Hula-Frosch um ein uraltes lebendes Fossil handelt, wird auch durch molekulargenetische Daten gestützt, die Vences in Braunschweig auswertete: „Angesichts der großen genetischen Unterschiede ist es klar, dass sich der Hula Frosch vor mindestens 19 Millionen Jahren von seinen nächsten heute lebenden Verwandten getrennt hat“.

Umso wichtiger wird es nun sein, weitere Daten zu sammeln und den winzigen bekanten Lebensraum des Hula-Frosches zu schützen. „Eine Wiederbewässerung von größeren Teilen des Hula-Tales wäre eine wichtige Maßnahme, um die Population dieser und anderer seltener Arten zu schützen“, so Prof. Dr. Eli Geffen von der Universität Tel Aviv, der die Arbeiten über den Hula-Frosch koordiniert.

Quelle: Biton R, Geffen E, Vences M, Cohen O, Bailon S, Rabinovich R, Malka Y, Oron T, Boistel R, Brumfeld V, Gafny R (2013) The rediscovered Hula painted frog is a living fossil. Nature Communications.

 

Kontakt:

Prof. Dr. Miguel Vences
Technische Universität Braunschweig
Zoologisches Institut / Zoological Institute
Mendelssohnstr. 4
38106 Braunschweig
Tel.:: +49 531 391-3231 / -3237
http://www.mvences.de
E-Mail: m.vences@tu-braunschweig.de