27.01.2016 | Presseinformationen:

Annette Pehnt erhält Ricarda-Huch-Poetik-Dozentur für Frauen und Gender in der literarischen Welt

Die Schriftstellerin Annette Pehnt erhält für ihren Roman „Chronik der Nähe“ den Preis der Ricarda-Huch-Poetik-Dozentur für Frauen und Gender in der literarischen Welt 2016. Der Preis wird von der Stadt Braunschweig, der Fakultät für Geistes- und Erziehungswissenschaften der Technischen Universität Braunschweig, dem Braunschweiger Zentrum für Gender Studies (BZG) und dem Institut für Braunschweigische Regionalgeschichte an der TU Braunschweig gestiftet. Die Dozentur ist mit einem Preisgeld von 7.000 Euro und einem dotierten Lehrauftrag im Sommersemester 2016 verbunden.

027_2016_Poetik_DozenturIn der Begründung der Jury heißt es: Annette Pehnt erfindet Sujets, Geschichten, Handlungen, die zugleich einfach und phantastisch sind. Ihre Werke – Romane, Kurzerzählungen, knappe, zwischen Poesie und Lyrik oszillierende Texte – thematisieren Grenzen, die befragt, beschritten und überschritten werden. Die Texte haben eine große „Tiefenschärfe“ und sind im besten Sinn (Ver)Dichtungen. Sie siedeln im konkreten Nirgendwo zwischen Prosa und Lyrik, zwischen dem Imaginären und dem Realen. Einige Werke artikulieren „große“ und scheinbar ewige Fragen menschlichen Lebens, andere aktuelle und sehr gegenwärtige Themen wie etwa Mobbing oder die universitäre Bildung in Zeiten der Bologna-Reform. Wenn es bei Annette Pehnt um Köperliches geht, ergibt sich fast zwanglos ein Überschreiten – oder vielleicht besser „Überschreiben“ – von traditionell vergeschlechtlichenden Denk- und Wahrnehmungsgrenzen – so etwa in ihrem Kurztext „Ich plane eine Häutung“.

Ihr Roman „Chronik der Nähe“ ist eine Drei-Generationen-Erzählung und greift damit ein bekanntes Genre auf, das wiederholt eingesetzt worden ist, um die Perspektive von Frauen auf ihre Position in der Gesellschaft über einen längeren Zeitabschnitt erfahrbar zu machen.

Annette Pehnt nutzt das Formenrepertoire und verwandelt es ihrer eigenen Erzählkunst an: Die Grenzen zwischen Fiktivem und Realem verschwimmen, auch die Zeit tritt aus dem Kontinuum der Genealogie aus und gerät in ein Nebeneinander von Perspektiven, die in der Zeit sind und gleichwohl aus ihr heraustreten. Wenn die Ich-Erzählerin (die Dritte in der Generationenfolge) am Bett ihrer sterbenden Mutter sitzt, dann stellt sie sich zum Beispiel vor (oder hat sie es erzählt bekommen?), wie diese vor vierzig Jahren mit ihrer Mutter um den eigenen, erwachsen gewordenen weiblichen Körper gerungen hat oder wie jene in der unmittelbaren Nachkriegszeit die Rolle der Alleinverdienerin weiterspielte, die ihr verstorbener Mann auch zu Lebzeiten nie wahrgenommen hat.

Geschlechterrollen werden eingenommen und überschritten, ausbuchstabiert und umbuchstabiert, aber eigentlich auch gar nicht buchstabiert, denn die Nähe innerhalb dieses doppelten Mutter-Tochter-Verhältnisses scheint erkauft um eine Wortkargheit oder fast Wortlosigkeit, die in einer kunstvollen Schachtelung von Gesagtem und Ungesagtem, Erzähltem und Unerzähltem dann doch etwas sehr Sprechendes ist.

Vita

Annette Pehnt, geboren 1967 in Köln, lebt mit ihrer Familie in Freiburg i.Br. Nach einem Jahr Freiwilligenarbeit in Belfast verbrachte sie mehrere Jahre in Irland, Schottland und den USA. Nach einem Studium der Anglistik, Keltologie und Germanistik in Köln, Galway, Berkeley/California und Freiburg promovierte sie über irische Literatur. Freie Mitarbeit bei der FAZ und der Badischen Zeitung, Schreibwerkstätten, Lehraufträge. Seit 2007 Dozentur an der PH Freiburg.

Preise u.a.: 2001 Förderpreis zum Künstlerinnenpreis Nordrhein-Westfalen, 2001 Mara-Cassens-Preis, 2002 Preis der Jury des Ingeborg-Bachmann-Wettbewerbs, 2004 großes Stipendium des Darmstädter Literaturfonds, 2008 Thaddäus-Troll-Preis, 2009 Italo-Svevo-Preis, 2012 Solothurner Literaturpreis, 2012 Hermann-Hesse-Preis. Werke u.a.: Ich muß los (Roman, München 2001), Herr Jakobi und die Dinge des Lebens (Roman, München 2005), Rabea und Marili (Kinderbuch, Hamburg 2006), Mobbing (Roman, München 2007), Annika und die geheimnisvollen Freunde (Kinderbuch, Hamburg 2007), Hier kommt Michelle (Campusroman, Freiburg 2010), Lexikon der Angst (München 2013), Der Bärbeiß (Kinderbuch, München 2013).

Zur Ricarda-Huch-Poetik-Dozentur

Die Ricarda-Huch-Poetik-Dozentur für Frauen und Gender in der literarischen Welt ist im Jahr 2015 im Namen der prominenten Braunschweiger Schriftstellerin zur Förderung der Auseinandersetzung mit Genderdimensionen in der Gegenwartsliteratur ins Leben gerufen worden. Ricarda Huch gilt als Braunschweigs große Stimme, welche humanistische Tradition und Geschichtsschreibung in die literarische Moderne überführte. Gleichzeitig hat sie als Frau im öffentlichen Leben und in der kulturellen Praxis ihrer Zeit weibliche (und männliche) Identitäten in Frage gestellt.

Mit der Verleihung der Ricarda-Huch-Poetik-Dozentur zeichnen die Partner jährlich eine Dozentin oder einen Dozenten aus, die/der sich durch bedeutende Leistungen auf dem Gebiet der Gegenwartsliteratur oder der literarischen Kritik ausgewiesen hat und in deren bzw. dessen Werk Geschlechterdimensionen von zentraler Bedeutung sind, u.a. indem hierarchische Geschlechterverhältnisse, Geschlechterstereotype oder Ein- und Ausgrenzungen durch Geschlechternormierungen überschritten und tradierte Geschlechterordnungen kritisch hinterfragt werden. Als erste Preisträgerin wurde im Jahr 2015 die Journalistin Kristina Maidt-Zinke ausgezeichnet.

Die Jury: Prof. Dr. Gerd Biegel (Institut für Braunschweigische Regionalgeschichte an der TU Braunschweig), Dr. Annette Boldt-Stülzebach (Dezernat für Kultur und Wissenschaft der Stadt Braunschweig, Abteilung Literatur und Musik im Fachbereich Kultur), Dr. Hilde Gahl, Braunschweig, Kristina Maidt-Zinke (DIE ZEIT), Prof. Dr. Jan Röhnert (Heyne-Juniorprofessur für neuere und neueste Literatur in der technisch-wissenschaftlichen Welt, Institut für Germanistik der TU Braunschweig), Prof. Dr. Bettina Wahrig (TU Braunschweig, Abteilung für Geschichte der Naturwissenschaften mit Schwerpunkt Pharmaziegeschichte).