Er ist jungen Hörgeschädigten der Mentor, der ihm selbst während seiner Ausbildung fehlte Ein Gespräch mit Feinwerkmechaniker Nils Neppe und seinen Azubis
An der Technischen Universität Braunschweig werden viele Erfolgsgeschichten geschrieben. Eine davon ist die von Nils Neppe, Feinwerkmechaniker am Institut für Stahlbau. Früher war der Gehörlose selbst Auszubildender an der TU Braunschweig, heute bildet er junge Menschen aus. Im Gespräch erzählen Neppe und seine aktuellen Auszubildenden Osama Al Rifai und Niklas Pollehn, wie man Feinwerkmechanik in Gebärdensprache lernt und was sie daran begeistert.
Warum haben Sie sich nach Ihrer Ausbildung an der TU Braunschweig dazu entschieden, selbst Ausbilder zu werden?
Nils Neppe: Meine eigene Ausbildung war eine schwierige Zeit für mich – Gebärdendolmetscher*innen gab es in diesem Bereich damals noch nicht. Ich habe vieles nicht verstanden, musste nachfragen und mir einiges selbst über Fachbücher beibringen.
Deshalb weiß ich, wie wichtig eine gute Begleitung während der Ausbildung ist. Mit der Zeit habe ich immer mehr Verantwortung in der Werkstatt übernommen und gemerkt, dass mir die Arbeit mit jungen Menschen liegt. Mir macht es Freude, mein Wissen und meine Erfahrungen an junge gehörlose Menschen weiterzugeben und zu sehen, wie sie sich fachlich und persönlich weiterentwickeln. Gerade in der Feinwerkmechanik ist es wichtig, nicht nur zu erklären, wie etwas gemacht wird, sondern auch Genauigkeit, Verantwortungsbewusstsein und selbstständiges Arbeiten zu vermitteln.

Der Feinwerkmechaniker Nils Neppe im Gespräch mit seinen Auszubildenden Osama Al Rifai und Niklas Pollehn. Der große Vorteil: Gebärdensprache lässt sich auch verstehen, wenn es in der Werkstatt mal laut wird. Bildnachweis: Kristina Rottig/TU Braunschweig.
Wie hat sich die Ausbildung zum Feinwerkmechaniker seit Ihrer eigenen Lehrzeit verändert?
Neppe: Vieles war damals stärker handwerklich geprägt. Heute spielen computergestützte CNC-Technik, Digitalisierung, neue Fertigungsverfahren und Dokumentation eine deutlich größere Rolle. Ich habe auch den Eindruck, dass die Anforderungen an das Fachwissen der Auszubildenden gestiegen sind. Außerdem achten wir stärker darauf, individuell auf die Azubis einzugehen. Nicht jeder lernt gleich schnell oder auf die gleiche Weise. Ausbildung bedeutet für mich deshalb heute nicht nur Fachwissen zu vermitteln, sondern die jungen Menschen gezielt zu fördern und ihnen Sicherheit und Selbstvertrauen zu geben.
Wie funktioniert die Ausbildung in Gebärdensprache in einer Feinwerkmechanik-Werkstatt? Welche besonderen Herausforderungen ergeben sich möglicherweise bei der Lehre?
Neppe: In der Werkstatt funktioniert vieles gut über Sichtkontakt und praktische Demonstrationen. Ich kann Arbeitsabläufe zeigen und gleichzeitig erklären. Wichtig ist, dass die Kommunikation bewusst organisiert wird. Bei komplexen Gesprächen, theoretischen Inhalten, Besprechungen oder Unterweisungen können Gebärdensprachdolmetscher*innen unterstützen. So kann alles weitergegeben werden.
Eine besondere Herausforderung ist, dass man bei der Arbeit an Maschinen nicht gleichzeitig auf das Werkstück und auf die Gebärdensprache achten kann. Deshalb müssen Erklärungen vorher oder in sicheren Arbeitspausen erfolgen. Sicherheit steht immer an erster Stelle. Meine Hörbehinderung sehe ich dabei nicht nur als Herausforderung. Sie hat mich auch gelehrt, sehr genau darauf zu achten, ob eine Information wirklich verstanden wurde.
Was wollen Sie Ihren Auszubildenden mitgeben?
Neppe: Mir ist wichtig, dass die Auszubildenden nicht nur einen guten Berufsabschluss erreichen. Sie sollen lernen, selbstständig zu denken, Verantwortung zu übernehmen und auch bei Fehlern nicht aufzugeben. Fehler gehören dazu – entscheidend ist, daraus zu lernen. Ich möchte ihnen außerdem vermitteln, sauber und gewissenhaft zu arbeiten, Fragen zu stellen und sich gegenseitig zu unterstützen. Wenn Auszubildende am Ende sagen können: „Ich kann meinen Beruf und traue mir etwas zu“, dann haben wir als Ausbilder*innen viel richtig gemacht.

Auf das Werkstück und auf Gebärdensprache gleichzeitig zu achten, kann manchmal herausfordernd sein. Deshalb erfordert die präzise Arbeit genaue Erklärungen. Bildnachweis: Kristina Rottig/TU Braunschweig.
Sie engagieren sich auch in der Schwerbehindertenvertretung der TU Braunschweig. Was wird getan, damit Ausbildung barrierefrei ist?
Neppe: Als Mitglied der Schwerbehindertenvertretung setze ich mich dafür ein, dass Beschäftigte und Bewerber*innen mit Behinderung die gleichen Chancen bekommen, wie Menschen ohne Behinderung. Wir beraten, begleiten Gespräche und achten darauf, dass notwendige Unterstützungen und Nachteilsausgleiche berücksichtigt werden.
Bei der Ausbildung beginnt Barrierefreiheit für mich schon beim Bewerbungs- und Vorstellungsgespräch. Je nach Bedarf sind zum Beispiel Gebärdendolmetscher*innen, technische Hilfsmittel oder andere individuelle Unterstützungen notwendig.
Wichtig ist, nicht pauschal über eine Behinderung zu urteilen, sondern zu fragen: Was kann dieser Mensch und welche Unterstützung braucht er, damit er seine Fähigkeiten zeigen kann? Inklusion bedeutet für mich, Barrieren zu beseitigen und echte Teilhabe zu ermöglichen.
Nun zu den Azubis – schön, dass Sie beim Interview mit dabei sind! Warum haben Sie sich für diese Ausbildung an der TU Braunschweig entschieden?
Niklas Pollehn: Meine Eltern kennen Nils und haben mir viel darüber erzählt, was er an der TU Braunschweig macht. Bei einem Praktikum am Institut für Stahlbau habe ich gemerkt, dass ich gerne dort arbeiten würde. Es begeistert mich, mit Metall zu arbeiten, und ich finde es toll, wie vielseitig die Ausbildung ist. Spannend finde ich, dass hier nicht nur Serienarbeit geleistet wird, sondern auch individuelle Bauteile und Lösungen für Forschung und Wissenschaft entstehen. Außerdem gefällt mir, wieviel Unterstützung es hier gibt.

Al Rifai und Pollehn begeistert insbesondere die Abwechslung und Unterstützung während ihrer Ausbildung am Institut für Stahlbau. Bildnachweis: Kristina Rottig/TU Braunschweig.
Osama Al Rifai: Ich wollte eine Ausbildung machen, bei der ich praktisch arbeiten und gleichzeitig viel über Technik lernen kann. Nils und die TU Braunschweig habe ich auf einer Ausbildungsmesse an meiner Schule kennengelernt. Ich fand besonders interessant, dass dort sehr viele unterschiedliche Werkstücke hergestellt werden und man Einblick in viele verschiedene Bereiche und Abläufe bekommt. Mir macht es Freude, mit Werkstücken zu arbeiten, die man sehen und in der Hand halten kann.
Neppe: Mir ist es sehr wichtig, unsere Ausbildung am Institut für Stahlbau bekannter zu machen. Deshalb möchte ich künftig noch mehr Ausbildungsmessen besuchen.
Was war Ihr erster Eindruck, als Sie hier in die Werkstatt kamen?
Al Rifai: Am Anfang hat mich beeindruckt, wie viele Maschinen und unterschiedliche Arbeitsplätze es hier gibt. So viele Feilen: kleine, große, dicke, breite! Ich war überrascht, wie genau gearbeitet werden muss und wie wichtig es ist, technische Zeichnungen richtig zu verstehen. Und wie viel Werkzeug es dafür gibt – Messschieber, Winkel und so weiter.
Pollehn:Die Werkstatt ist größer und vielseitiger, als ich erwartet hatte. Mich hat überrascht, wie viele unterschiedliche Maschinen und Fertigungsverfahren es hier gibt. Ich habe schnell gemerkt, dass hier sehr genau gearbeitet werden muss und dass man als Auszubildender Schritt für Schritt an die Aufgaben herangeführt wird.
Was hoffen Sie, während der Ausbildung zu lernen?
Pollehn: Ich möchte während der Ausbildung lernen, selbstständiger zu arbeiten und alle Maschinen kennenlernen. Besonders interessieren mich das Drehen, Fräsen sowie später auch die CNC-Technik. Am Ende meiner Ausbildung möchte ich auch anspruchsvolle Werkstücke eigenständig herstellen können. Außerdem freue ich mich darauf, in der Berufsschule noch mehr zu lernen.
Al Rifai: Ich möchte selbstständig und sicher arbeiten können und mit allen Werkzeugen und Maschinen richtig umgehen können – auch mit der CNC-Maschine. Das Planen von Arbeitsabläufen gehört für mich ebenso dazu. Später möchte ich möglichst viele Fertigungsverfahren beherrschen und auch kompliziertere Aufgaben selbstständig lösen können.

Noch stehen einfachere Arbeiten im Vordergrund, doch schon bald können Neppes Auszubildenden auch mit komplizierteren Maschinen umgehen. Bildnachweis: Kristina Rottig/TU Braunschweig.
Neppe: Für mich ist wichtig, dass die beiden motiviert sind, es bleiben und Ziele haben, die sie erreichen möchten – obwohl das Bedienen der CNC-Maschine erst im dritten Lehrjahr auf dem Ausbildungsplan steht. Aber wenn sie das jetzt schon als Ziel haben, ist das toll.
Al Rifai: Mir macht die Ausbildung hier wirklich Spaß. Ich hoffe, dass noch mehr Menschen davon erfahren und ihre Ausbildung hier machen möchten.
Neppe: Wir freuen uns sehr, dass wir diese Ausbildung am Institut für Stahlbau in Gebärdensprache anbieten können. Das ist nur möglich, weil unser Institutsleiter Professor Klaus Thiele gehörlosen und hörgeschädigten Menschen mit so viel Verständnis und Unterstützung begegnet.