„Die Brand-Katastrophe am Düsseldorfer Flughafen war eine Zäsur“ Professor Jochen Zehfuß zum 40. Jubiläum der Braunschweiger Brandschutz-Tage
Seit 40 Jahren bringen die Braunschweiger Brandschutz-Tage Wissenschaft und Praxis zusammen. Zum Jubiläum blicken wir mit Professor Jochen Zehfuß, wissenschaftlicher Tagungsleiter und Leiter des Fachgebiets Brandschutz am Institut für Baustoffe, Massivbau und Brandschutz (iBMB) der Technischen Universität Braunschweig, auf die vergangenen vier Jahrzehnte zurück. Wir wollen aber auch von ihm wissen, welche Themen die Brandforschung aktuell umtreiben und was ihn selbst am Thema Brandschutz fasziniert.

Professor Jochen Zehfuß. Bildnachweis: Institut für Baustoffe, Massivbau und Brandschutz/TU Braunschweig
Herr Professor Zehfuß, welche Entwicklungen im Brandschutz waren im Rückblick die prägendsten?
Eines der prägenden Ereignisse ist der Flughafenbrand in Düsseldorf 1996, bei dem es durch Schweißarbeiten in einem Terminal zu einem Brand kam. 17 Menschen starben. Der Sachschaden belief sich auf rund eine halben Milliarde Mark. Zwei Terminals wurden durch den Brand schwer beschädigt, einer musste abgerissen und neu gebaut werden. Die Katastrophe hatte zur Folge, dass die Vorschriften grundlegend überarbeitet wurden und der Brandschutz als eigene Planungsdisziplin etabliert wurde. Es mussten jetzt Brandschutznachweise ausgestellt werden. Neue Regelungen zu Rauchmeldern, zu Sprinkleranlagen, Rettungswegen und der Steuerung von Aufzügen im Brandfall kamen hinzu. Diese Katastrophe war eine Zäsur, die den Brandschutz nachhaltig veränderte.
Eine Entwicklung, die wir bei den Brandschutz-Tagen immer wieder begleitet haben, war die der Brandschutz-Ingenieurmethoden, also die Nachweisführung mit Simulationen. Hier basieren viele Grundlagen auf Arbeiten der TU Braunschweig, insbesondere zu den Hochtemperatur-Materialkennwerten und zu Versuchen. Schließlich müssen die Simulationsmethoden überprüft und validiert werden.
Welche Rolle spielen die Brandschutz-Tage für den Wissenstransfer zwischen Universität, Behörden und Wirtschaft?
Ich glaube, da müssen wir gar nicht bescheiden sein. Die Brandschutz-Tage spielen eine sehr große Rolle beim Wissenstransfer. Von Anfang an war es die Idee, neue Forschungsergebnisse in die Praxis zu übertragen. Entsprechend setzt sich auch der Teilnehmerkreis zusammen: Viele Teilnehmende aus der Praxis – darunter Vertreter*innen von Behörden, Feuerwehren, Ingenieurbüros, Industrie und Versicherungen – treffen auf Menschen, die zum Brandschutz forschen.
Die Brandschutz-Tage greifen hochaktuelle Themen auf. Neue Erkenntnisse aus der Forschung werden in die Praxis vermittelt, wodurch sich Grundlagen für neue Vorschriften und Normen entwickeln. Ein Beispiel hierfür ist die Holzbaurichtlinie, aber auch die Brandschutzbemessungsregeln, die sogenannten Eurocodes, die immer wieder auf der Tagung thematisiert werden. Ein ganz aktuelles Beispiel sind die Handlungsempfehlungen der Feuerwehr für die Brandbekämpfung von Hochvoltspeichern, also großen Batterien.
Welche Themen treiben die Brandschutzforschung derzeit am meisten um? Wo sehen Sie aktuell die größten Herausforderungen?
Der Trend zu nachhaltigerem und ressourcenschonenderem Bauen beschäftigt uns selbstverständlich auch in der Brandschutzforschung, also beispielsweise die Frage, welche besonderen Aspekte des Brandschutzes bei Gebäuden aus Holz zu beachten sind. Oder wie sich ein Brand in einer Holzkonstruktion mit einer Dämmung aus Seegras oder Hanf entwickelt. Unser Ziel ist es, brandsichere Lösungen zu finden. Das gilt ebenso für Ökobetone. Wenn beispielsweise wiederaufbereitete Gesteinskörnungen oder neuartige Zemente verwendet werden, dann muss natürlich trotzdem sichergestellt sein, dass die daraus geformten Bauteile im Brandfall genauso sicher sind wie herkömmliche Bauteile.
In den vergangenen Großversuchen im Zentrum für Brandforschung (ZeBra) hier an der TU standen außerdem die Brandbekämpfung von Kfz-Hochvoltspeichern sowie alternative Rettungswegkonzepte im Fokus. Diese sind notwendig, wenn ein zweiter Rettungsweg nicht sichergestellt werden kann, weil eine Anleiterung durch die Feuerwehr bei Aufstockungen nicht möglich ist und Aufstellflächen fehlen bzw. blockiert sind.
Ein weiteres großes Thema sind Simulationsmodelle, die immer nur so gut sind wie ihre Eingangsdaten. In diesem Bereich sind wir mit dem ZeBra prädestiniert, neuartige Versuchskonzepte zu entwickeln und entsprechende Daten daraus abzuleiten.
Wenn man noch weiter in die Zukunft blickt: Welche Forschungsthemen werden künftig besonders wichtig?
Ganz eindeutig sind das unter anderem Vegetationsbrände und deren Auswirkungen auf Städte und Dörfer. Das haben wir in diesem Jahr vor allem in Südeuropa eindringlich erlebt. Aber auch in Niedersachsen und Brandenburg gab es schon häufiger Vegetationsbrände. Dazu werden wir in den kommenden Jahren verstärkt forschen.
Im ZeBra geht es außerdem um die Entwicklung von Prognosemodellen, um die Brandausbreitung sicher zu vorherzusagen sowie auch um Löschmodelle. Da steckt die Entwicklung noch in den Kinderschuhen. Wie bereits erwähnt, ist auch die Untersuchung des Brandverhaltens nachhaltiger und ressourcenschonender Materialien ein Thema, zu dem wir künftig noch intensiver forschen werden.
Was hat Sie denn ursprünglich dazu bewogen, sich wissenschaftlich mit dem Thema Brandschutz zu beschäftigen?
Als Bauingenieur hat mich immer die Frage interessiert, wie ein Gebäude oder ein Bauteil, beispielsweise eine Stütze oder eine Decke, brandsicher ausgebildet werden kann. Wie verläuft ein Brand, was passiert da genau, wie ist der Temperaturverlauf und welche Gase werden freigesetzt? Faszinierend fand ich auch, dass der Brandschutz im Vergleich zu anderen Wissenschaftsdisziplinen im Bauingenieurwesen eine junge Disziplin ist und vieles noch in den Kinderschuhen steckt. Das heißt aber auch, dass das Wissen schnell anwächst und dass wir mit der hervorragenden Forschungsinfrastruktur, die wir hier an der TU Braunschweig haben, einen wichtigen Beitrag leisten können.
Was können Bürger*innen selbst tun, um ihr Zuhause sicherer zu machen?
In der Regel ist es zu Hause relativ sicher. Dennoch sterben die meisten Menschen – rund 85 Prozent – bei Bränden in den eigenen vier Wänden. Das liegt einerseits daran, dass man sich dort am sichersten fühlt und vielleicht nachlässig ist, andererseits verbringt man natürlich auch einen Großteil seiner Lebenszeit zu Hause. Die Hauptursachen für Brände sind defekte und überhitzte elektrische Geräte sowie offenes Feuer.
Rauchmelder sollten inzwischen hoffentlich in jedem Haus installiert sein. Ich kann aber auch empfehlen, ein Löschspray zu Hause zu haben, um im Notfall schnell reagieren zu können. Aufmerksamkeit und Gefahrenbewusstsein sind die Schlüssel. Das ist eigentlich ganz profan: Man muss darauf achten, dass beispielsweise die Milch nicht einfach auf dem eingeschalteten Herd stehen bleibt und ein elektrisches Gerät nicht überhitzt. Auch wenn das eigentlich alles bekannt ist, so sind das trotzdem die häufigsten Brandursachen.