Die Augenhöhe macht‘s Interview mit Lehrpreis-Gewinner Till Hagemann
Für seine Art zu lehren wurde Till Hagemann mit dem TU-Lehrpreis 2025 ausgezeichnet. Im Interview spricht er darüber, warum Begeisterung ansteckend sein kann, weshalb Scheitern zum Studium dazugehört — und warum Künstliche Intelligenz zwar vieles erklären kann, aber keine Beziehung ersetzt.

Till Hagemann wurde 2025 mit dem Lehrpreis in der Kategorie „Beste studentische Lehre“ ausgezeichnet. Bildnachweis: Kristina Rottig/TU Braunschweig
Manchmal beginnt gute Lehre mit einem einfachen Satz: Ich kenne das auch. Till Hagemann weiß, wie es ist, in einem Tutorium zu sitzen und nicht sofort mitzukommen. Vielleicht lehrt er gerade deshalb heute so, dass andere leichter den Anschluss finden. In seinem Tutorium Regelungstechnik verbindet er Theorie mit Beispielen, macht Mut zum Fragen und zeigt, dass Lernen nicht bedeutet, alles auf Anhieb zu verstehen.
Erzähl mir kurz, wer Du bist und was Du an der Uni machst?
Ich studiere seit 2018/19 hier, bin im Master Luft- und Raumfahrttechnik und konzentriere mich aktuell darauf, meinen Master zu beenden. Gerade bin ich aber mehr in der Lehre tätig und habe da auch mehr Spaß dran. Teilweise habe ich bei drei Instituten gearbeitet und vier Tutorien gegeben.
Wie kam das Thema Lehre zu Dir? Wie hast du gemerkt, dass du gut lehren kannst?
Das haben eher meine Tutorgänger*innen entschieden. 2021 habe ich zum ersten Mal unterrichtet. Am Anfang hatte ich viele Bedenken und war ziemlich unsicher. Ich mache das jetzt schon fünf Jahre und dann wurde es Stück für Stück besser. Ich kannte halt meine Probleme in den Lehrveranstaltungen und bin davon ausgegangen, dass meine Probleme die der anderen auch widerspiegeln. Und da habe ich dann versucht entgegenzuwirken.
Welche Probleme sind das?
Ich glaube, dass sich viele oft verloren fühlen mit der Thematik. Besonders wenn man auf die Erstsemester schaut. Die meisten sind nach dem Abitur erstmal überfordert und finden den Anschluss schwer. Ich versuche hier aktiv zu werden.
Was macht gute Lehre aus?
Gute Lehre heißt für mich, auf Augenhöhe mit den Studierenden zu sein. Ich liebe es, für meine Studierenden da zu sein. Viele von denen sind mittlerweile gute Freund*innen geworden und das ist etwas, was ich unfassbar schätze. Wenn ich es schaffe, jemandem, der mit einer Thematik struggelt, am Ende ein Lächeln aufs Gesicht zu zaubern, weil er oder sie besser durch eine Klausur gekommen ist, dann ist das für mich das Wichtigste. Und am Ende auch das, wofür ich wirklich schwärme.
Was macht schlechte Lehre für Dich aus?
Kein Interesse. Kein Augenkontakt. Und nicht auf Studierende eingehen, die dann einfach sitzen gelassen werden.
Würdest Du sagen, dass gute Lehre durch KI nochmal einen anderen Stellenwert bekommen hat?
Ja, definitiv. Viele nutzen KIs, um sich Themen erklären zu lassen. Ich mache das auch. Aber am Ende bleibt es oft an der Oberfläche. KI kann helfen, ein Thema anzukratzen. Aber sie ersetzt nicht, sich selbst damit auseinanderzusetzen. Was KI auch nicht geben kann, ist Beziehung, Nahbarkeit. Dass da jemand steht, der sagt: Ich kenne das. Ich bin auch nicht immer glatt durch dieses Studium gekommen.
Wie schaffst du diese Atmosphäre auf Augenhöhe?
Indem ich offen bin. Ich habe zum Beispiel frei über meinen Drittversuch in Mechanik gesprochen. Eine Studentin meinte später, das habe ihr Hoffnung gemacht. Ich sage das ganz ehrlich: Ich bin nicht mit Bravour durch das Bachelorstudium gekommen. Ich hatte Lücken. Das hat sich erst später geändert. Es ist wichtig, darüber zu sprechen und menschlich zu bleiben: Es ist okay, Fehler zu machen. Es ist okay, hinzufallen. Bei mir ist es jetzt ironischerweise die Lehre selbst, die mein Weg ist — also genau das, womit ich es am Anfang so schwer hatte.
Was findest du wichtig, wenn wir Lehre weiterdenken wollen?
Man muss Lehre neu denken, Dinge ausprobieren und schauen, welches Konzept funktioniert. Das Internet ist da, digitale Lehre ist möglich — Corona hat gezeigt, dass vieles funktionieren kann. Also: ausprobieren, kreativ sein, mitnehmen, was hilft.
Hat der Lehrpreis etwas für dich verändert?
Der Lehrpreis hat sicherlich nochmal meine Motivation erhöht und ich habe in meinen Tutorien die Regler weiter nach oben geschoben. Ich bin mit dem Lehrpreis irgendwie ins Institut für Intermodale Transport- und Logistiksysteme (ITL) und gut integriert worden. Damit habe ich jetzt hoffentlich auch zukünftig einen Doktorvater, der mich erstmal durch den Master und dann durch die Promotion begleitet.