Demokratie braucht Haltung Workshop unterstützt Lehrende im Umgang mit Alltagsrassismus und Diskriminierung
Was tun, wenn in einer Lehrveranstaltung diskriminierende oder demokratiefeindliche Äußerungen fallen? Ein von der #Buntstadt-Initiative organisierter Workshop möchte Lehrenden der Technischen Universität Braunschweig Sicherheit im Umgang mit solchen Situationen vermitteln und ein Lehr- und Lernklima stärken, in dem Vielfalt selbstverständlich ist. Warum das Angebot gerade jetzt wichtig ist und was die Teilnehmenden erwartet, erklären zwei der Initiator*innen, Dr. Britta Wittner und Dr. Konrad Schäfer, im Interview.

Die #Buntstadt-Flagge wurde zum Internationalen Tag der Demokratie auf dem Universitätsplatz gehisst. Bildnachweis: Kristina Rottig/TU Braunschweig
Warum braucht es einen Workshop zu Alltagsrassismus und Diskriminierung in der Hochschule? Warum ist das Thema gerade relevant?
Konrad Schäfer: Die Idee entstand im Rahmen der Buntstadt-Initiative, an der die TU Braunschweig von Beginn an beteiligt ist. Im vergangenen Jahr haben sich nach der Buntstadt-Konferenz verschiedene Arbeitsgruppen gegründet – darunter auch eine Hochschulgruppe. Gemeinsam haben wir überlegt, welche Themen wir langfristig an der Universität voranbringen möchten.
Britta Wittner: Bereits im vergangenen Jahr haben wir uns mit einem Beitrag zum Tag der Demokratie beteiligt. Unser Ziel ist es jedoch, das Thema nicht nur an einem Aktionstag in den Fokus zu rücken, sondern dauerhaft in die Hochschule hineinzuwirken. Daraus sind zwei Formate entstanden: zum einen dieser Workshop für Lehrende und zum anderen eine Veranstaltungsreihe für Studierende im kommenden Jahr. Und es wird auch wieder eine Woche der Demokratie geben mit mehreren Veranstaltungen an der TU Braunschweig.
Wir freuen uns besonders darüber, dass das Präsidium sehr involviert und engagiert zu dem Thema ist. Darüber hinaus engagieren sich viele unterschiedliche Akteur*innen – darunter der Personalrat, die ver.di Betriebsgruppe, die Gleichstellung, das Diversity Office, der AStA sowie zahlreiche Einzelpersonen. Diese breite Zusammenarbeit ist ein wichtiges Signal.
Geht es dabei um konkrete Probleme an der Universität oder um die gesamtgesellschaftliche Entwicklung?

Dr. Britta Wittner, Leiterin der Kooperationsstelle Hochschule – Gewerkschaften an der TU Braunschweig. Bildnachweis: Nora Höft
Britta Wittner: Wir beobachten, dass sich insgesamt in der Gesellschaft antidemokratische Einstellungen verstärken und sich die Grenzen dessen, was öffentlich gesagt wird, verschieben. Hochschulen sind ein Spiegel der Gesellschaft. Deshalb machen diese Entwicklungen auch vor Universitäten nicht halt.
Konrad Schäfer: Es geht nicht darum, auf konkrete Vorfälle an der TU Braunschweig zu reagieren, sondern demokratische Werte sichtbar zu stärken, ihnen Raum zu geben und präventiv zu wirken. Die Hochschule soll ein Ort bleiben, an dem Menschen unabhängig von ihrer Herkunft oder Identität sicher studieren und arbeiten können. Es geht uns um wichtige grundsätzliche Fragen: Wie wollen wir miteinander umgehen? Wie wichtig ist Demokratie? Für welche Werte wollen wir einstehen?
Hinzu kommt ein weiterer Aspekt: Die Wahlbeteiligung bei Gremien ist leider häufig sehr gering. Dabei ist demokratische Mitbestimmung gerade an Hochschulen unmittelbar möglich. Wenn sich die Mitglieder der Universität hier zurückziehen, entstehen Freiräume, die von antidemokratischen Akteur*innen genutzt werden können. Deshalb möchten wir dazu ermutigen, demokratische Beteiligung aktiv wahrzunehmen.
Was ist das Ziel des Workshops?

Dr. Konrad Schäfer, Geschäftsführer der Fakultät für Geistes- und Erziehungswissenschaften. Bildnachweis: Philipp Ziebart/TU Braunschweig
Britta Wittner: Im Mittelpunkt stehen alltägliche diskriminierende oder demokratiefeindliche Äußerungen, wie sie in Lehrveranstaltungen auftreten können. Das Ziel besteht zunächst darin, für solche Situationen zu sensibilisieren und sie besser erkennen zu können. Auch um Personen, die sonst nicht von solchen Momenten, von Alltagsdiskriminierung, betroffen sind, überhaupt die nötige Sensibilität zu vermitteln.
Gleichzeitig sollen Lehrende Handlungsmöglichkeiten kennenlernen. Denn viele erleben solche Situationen überraschend, sind unsicher und fragen sich: Wie reagiere ich angemessen? Wie greife ich eine diskriminierende Aussage auf, ohne die gesamte Lehrveranstaltung aus dem Gleichgewicht zu bringen? Gerade wenn das Thema fachlich eigentlich gar nichts mit dem Seminar oder der Vorlesung zu tun hat und der Lehrende keine Expertise dazu hat.
Der Workshop möchte deshalb keine Sprachverbote formulieren. Vielmehr geht es darum, Situationen einzuordnen, sensibel wahrzunehmen und geeignete Reaktionsmöglichkeiten zu vermitteln.
Konrad Schäfer: Als Hochschule stehen wir auch in der Verantwortung, Vielfalt, Wissenschaftsfreiheit und Demokratie aktiv zu schützen. Das verstehen wir nicht als Reaktion auf akute Probleme, sondern als kontinuierliche Aufgabe.
Welche Formen von Diskriminierung spielen dabei eine Rolle?
Britta Wittner: An Hochschulen begegnen uns grundsätzlich dieselben Diskriminierungsformen und antidemokratischen Haltungen wie in der Gesellschaft insgesamt – etwa Alltagsrassismus oder Sexismus. Dabei geht es nicht um besonders offensichtliche Vorfälle. Oft nehmen Menschen, die selbst keine Diskriminierung erfahren, bestimmte Situationen gar nicht als problematisch wahr. Genau hier setzt der Workshop an. Er soll dabei helfen, Sensibilität für unterschiedliche Erfahrungen zu entwickeln.

Die Buntstadt-Initiative präsentierte sich auch beim Tag der Niedersachsen. Bildnachweis: Konrad Schäfer/TU Braunschweig
Was erwartet die Workshop-Teilnehmenden ganz konkret?
Konrad Schäfer: Der Workshop richtet sich an alle, die in den angesprochenen Situationen handlungsfähiger werden möchten – ohne sich hinterher zu ärgern, nichts gesagt zu haben. Wir werden kurze, alltagstaugliche Reaktionsmöglichkeiten ausprobieren, typische Szenarien aus der Lehre üben und gemeinsam Strategien entwickeln, wie wir Haltung zeigen können, ohne zu eskalieren. Damit wollen wir ein Lehr- und Lernklima stärken, in dem Vielfalt selbstverständlich ist und Abwertung nicht unwidersprochen bleibt. Die Referentin Helga Gundlach wird den Ablauf flexibel gestalten. Es geht nicht um starre Lösungen, sondern darum, einen persönlichen Methodenkoffer zu entwickeln.
Helga Gundlach beschäftigt sich seit vielen Jahren wissenschaftlich und praktisch mit den Themen Demokratie, Diskriminierung, Kommunikation und Konfliktmanagement. Sie arbeitet als Referentin und Dozentin in unterschiedlichen Bereichen, ist Trainerin und Beraterin für Interkulturelle Kompetenz, Diversity und Interkulturelle Öffnungsprozesse.
Welche weiteren Veranstaltungen sind geplant?
Britta Wittner: Anfang September wird es eine Veranstaltung zum Thema Neutralitätsgebot mit Hannah Vos vom Rechercheportal FragdenStaat geben. Für das kommende Jahr ist darüber hinaus eine Ringvorlesung geplant, die sich speziell an Studierende richtet.
Konrad Schäfer: Wir freuen uns übrigens über alle, die in der Hochschulgruppe mitmachen wollen. Wer Interesse an den Themen hat, ist herzlich eingeladen, sich einzubringen.