17. März 2026 | Presseinformationen:

Vielfalt bewegt: Individuelles Lernen im Sportunterricht stärken Universitäten und Schulen entwickeln gemeinsam praxisnahes Konzept

Bewegung, Teamgeist, Fairness: Kaum ein Schulfach prägt Kinder und Jugendliche so unmittelbar wie der Sportunterricht. Schulsport kann alle Schüler*innen gleichermaßen erreichen und trägt damit eine besondere Verantwortung für Bildungs- und Erziehungsprozesse. Doch wie kann individuelles Lernen in einem Sportunterricht aussehen, der die Vielfalt der Schüler*innen berücksichtigt und allen eine gleichberechtigte Teilhabe ermöglicht? Dieser Frage gehen Sport- und Erziehungswissenschaftler*innen der Technischen Universität Braunschweig, der Universität zu Köln und der Deutschen Sporthochschule Köln gemeinsam nach und arbeiten dabei eng mit Lehrkräften zusammen. An mehreren Schulen in Niedersachsen und Nordrhein-Westfalen entwickeln und testen sie ein Konzept, das die Lernentwicklung der Schüler*innen unterstützt.

Wie kann individuelles Lernen in einem Sportunterricht aussehen, der die unterschiedlichen Voraussetzungen der Schüler*innen berücksichtigt? Bildnachweis: Westend61/Ashley Corbin-Teich

Schulsport ist mehr als nur Bewegung und Spiel. Im Sportunterricht erwerben Kinder und Jugendliche auch motorische, soziale und emotionale Fertigkeiten sowie fachliche Kenntnisse, um in dieser Welt handeln zu können. „Sportunterricht wird oft mit Leisten, Messen und Vergleichen verbunden, dabei sollte auch die ästhetische, reflexive und psychosoziale Bildung im Fokus stehen. Lernende sollen verstehen und hinterfragen, wie sie lernen, um selber Ideen zu entwickeln, wie sie ihre Ziele erreichen und dabei unterstützt werden können“, sagt Professorin Esther Serwe-Pandrick von der TU Braunschweig.

Die Schüler*innen bringen dabei ganz vielfältige Voraussetzungen, Erfahrungen und Interessen mit. Sportlehrkräfte sollen dieser Vielfalt gerecht werden und alle Schüler*innen individuell fördern, ohne dabei jemanden bloßzustellen oder zu beschämen. „Während des Unterrichts müssen Lehrkräfte somit unterschiedliche Ereignisse fortlaufend beobachten und deuten. Dabei gibt es in der Regel mehrere geeignete Handlungsoptionen, was in Workshops gemeinsam reflektiert werden soll“, hebt Professorin Sabine Reuker von der Deutschen Sporthochschule Köln hervor.

Lernprozesse begleiten

Das sogenannte „Formative Assessment“ kann helfen, die Lernprozesse aller Schüler*innen zu begleiten. Dazu gehört, dass Lehrkräfte und Schüler*innen gemeinsam Ziele und Erfolgskriterien klären, dass Lehrkräfte die Lernprozesse beobachten und regelmäßig eine Rückmeldung dazu geben. Wichtige Fragen dabei sind: Wo steht jede*r Lernende im Prozess? Welcher nächste Schritt führt zum Ziel? Was wird benötigt, um diesen Schritt zu schaffen? Ziel ist es, Schüler*innen dabei zu unterstützen, ihre eigenen Fortschritte zu erkennen und die nächsten Entwicklungsschritte zu planen.

Im Rahmen des Forschungsprojekts wollen die Wissenschaftler*innen gemeinsam mit den teilnehmenden Lehrkräften das formative Assessment mit der Idee des reflexiven Lernens verbinden. Das heißt: Lehrkräfte unterstützen Schüler*innen darin, selber das Geschehen und Lernen im Schulsport gezielt zu beobachten, zu dokumentieren und zu besprechen. Wenn Schüler*innen selbst zu forschenden Lernenden werden, stellen sie sich zum Beispiel Fragen wie: Wie habe ich meine Bewegung ausgeführt? Was ist ein faires Spiel? Wie können alle teilhaben? Das hilft den Schüler*innen, ihr eigenes Denken, Fühlen und Handeln klarer zu erkennen und bewusster zu verändern.

„Die Vielfalt anerkennende und wirksame Begleitung von fachlichen Lernprozessen ist die zentrale Aufgabe von Lehrpersonen. Internationale Vergleichsstudien zu den Lernergebnissen deutscher Schüler*innen zeigen, dass wir darin deutlich besser werden müssen. Hier setzen wir mit einer Entwicklung von Unterricht im Schulsport an“, ergänzt Professor Matthias Martens von der Universität zu Köln.

Kooperation mit Schulen in Niedersachsen und Nordrhein-Westfalen

Zu diesem Zweck arbeiten die Wissenschaftler*innen sehr eng mit Fachlehrkräften und Schulen zusammen. Dabei wird sowohl die Umsetzbarkeit als auch die Wirksamkeit des Konzepts untersucht.

Der Entwicklungsprozess läuft in mehreren Zyklen ab (im Rahmen eines sogenannten „Design Based Research“): Das Konzept wird dreimal in Folge erprobt und evaluiert und dann auf der Basis der im Forschungsprozess gewonnenen Erkenntnisse weiterentwickelt. Anschließend wird es einer größeren Gruppe von Lehrkräften zur Verfügung gestellt. „Durch diesen Ansatz fließen Erkenntnisse aus der Praxis zurück in die Theorie und die Theorie hilft, die Praxis weiterzuentwickeln“, erläutert Professorin Svenja Vieluf von der TU Braunschweig.

Nutzen für die Unterrichtspraxis und Lehrkräftebildung

„Wir werden im Rahmen des Projektes nicht nur wissenschaftliche Erkenntnisse sammeln, sondern auch innovative Ideen für die Praxis entwickeln, deren Umsetzbarkeit durch den Erprobungsprozess sichergestellt ist“, erklärt Professorin Julia Gerick, ebenfalls von der TU Braunschweig. Konkret sollen sowohl Beobachtungs- und Reflexionsinstrumente als auch ein Leitfaden für den Einsatz im Unterricht sowie ein Fortbildungskonzept entstehen. Diese Instrumente und Konzepte sollen Lehrkräften, Lehrkräfteausbilder*innen und Lehrkräftefortbilder*innen in ganz Deutschland für die praktische Anwendung zur Verfügung gestellt werden.

Projektdaten

Das auf dreieinhalb Jahre angelegte Forschungsprojekt „Reflexive Lernprozessbegleitung im Fach Sport: Entwicklung und Evaluation reflexiver Lehr-Lern-Methoden für einen lernwirksamen und diversitätssensiblen Sportunterricht“ wird vom Bundesministerium für Bildung, Familie, Senioren, Frauen und Jugend (BMBFSFJ) mit rund 1,5 Millionen Euro gefördert (Förderlinie „Umgang mit Vielfalt“ im Rahmenprogramm empirische Bildungsforschung). Beteiligt sind die TU Braunschweig, die Universität zu Köln und die Deutsche Sporthochschule Köln.