10.12.2018 | Magazin:

Post aus … St. Petersburg Student Quang-Duc Pham berichtet aus Russland

Hier lebe ich momentan:
In Russland, genauer gesagt in St. Petersburg. Das ist die zweitgrößte und – so wird sie oft beschrieben – auch die schönste Stadt Russlands. Die Stadt der Künstler ist berühmt für ihre europäischen Einflüsse. St. Petersburg ist das Venedig des Nordens und das Amsterdam des Ostens, denn es gibt hier viele Kanäle und wunderschöne historische Gebäude.

Das mache ich in St. Petersburg:
Ich mache ein Auslandspraktikum bei „Robert Bosch OOO“ in der Forschungsabteilung und bin an der Higher School of Economics (HSE) in Moskau eingeschrieben. An der HSE muss ich ein Modul bestehen. Das Modul nennt sich „Doing Business in Russia (12 ECTS)“ und beinhaltet eine Einführungswoche in Moskau, einen Besuch in der Deutschen Botschaft und eine Projektarbeit mit Präsentation in Englisch zum Thema Personalführung. Eingeschrieben bin ich in der Fakultät für Business und Management (Факультет бизнеса и менеджмента). Neben meinem Praktikum gehe ich zweimal die Woche abends in die Sprachschule, um Russisch zu lernen.

Mein Aufenthalt dauert insgesamt:
6 Monate = 24 Wochen = 168 Tage = 4032 Stunden = 30 Credits.

Darum habe ich mich für einen Auslandsaufenthalt entschieden:
Das Gefühl von „jetzt oder nie“ überkam mich. Ich wollte herausfinden, ob ich mich in einem unbekannten Land zurechtfinden kann. Fragen wie „Bin ich stressresistent und kompromissbereit?“ und „Ist meine Beziehung zu Spirituosen moderat im Vergleich zu anderen Kulturen?“ haben mich darin noch bestärkt.

Post aus ... St. Petersburg
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Von St. Petersburg aus habe ich Kasan, die Hauptstadt der russischen Republik Tatarstan, besucht. Die Stadt an der Wolga ist bekannt für ihre außergewöhnliche Architektur. Bildnachweis: Quang-Duc Pham/TU Braunschweig

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Die am stärksten vertretenen Religionen in Kasan sind der Islam und das Christentum. Hier zeige ich euch die Moschee im Kazaner Kreml. Bildnachweis: Quang-Duc Pham/TU Braunschweig

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Das ist ein Teil der Außenanlagen des Schloss Peterhofs westlich von St. Petersburg. Wir hatten Glück, dass die Fontänen im Park der Zarenresidenz noch liefen, da ein Teil von ihnen in der Wintersaison abgestellt wird. Bildnachweis: Quang-Duc Pham/TU Braunschweig

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Ein Besuch in Moskau durfte natürlich nicht fehlen. Hier bin ich auf dem roten Platz und mache auch gleich etwas Werbung für die „beste Fachgruppe“ der TU Braunschweig. Bildnachweis: Quang-Duc Pham/TU Braunschweig

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Gar nicht so anders als in Deutschland sind hier zumindest die Straßenschilder. Im Hintergrund ist das russische Ministerium für Auslandsangelegenheiten in Moskau zu sehen. Bildnachweis: Quang-Duc Pham/TU Braunschweig

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Viele nützliche Infos gab es während des Einführungsseminars des Praktikantenprogramms „Russland in der Praxis“. Bildnachweis: Quang-Duc Pham/TU Braunschweig

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Erst am arktischen Meer, an der Küste der Hafenstadt Murmansk, habe ich begriffen, worauf es manchmal im Leben ankommt: Thermo-Kleidung. Bildnachweis: Quang-Duc Pham/TU Braunschweig

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In Murmansk habe ich meinen neuen Freund "розетка" kennengelernt. Ich habe ihn nach einem der ersten Wörter benannt, das ich auf Russisch gelernt habe: розетка, was übersetzt „Steckdose“ bedeutet. Bildnachweis: Quang-Duc Pham/TU Braunschweig

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Auch in St. Petersburg wird viel gebaut. Von der Isaac Kathedrale hat man einen schönen Ausblick über die Stadt und – vielleicht für einige Bauingenieure unter euch interessant – auf einen großen Baukran. Bildnachweis: Quang-Duc Pham/TU Braunschweig

Leben vor Ort

So wohne ich in St. Petersburg:
Ich wohne in einer eigenen Wohnung, in einem 1-Zimmer/Studio. Hier habe ich den Blick auf die gesamte Stadt von der höchsten Etage meines Wohnblocks. Ich bin froh, dass ich diese Wohnung gefunden habe, denn Studentenwohnheime in Russland sollen angeblich nicht so schön sein.

Was unterscheidet das Studieren in St. Petersburg von dem in Deutschland?
Die Arbeitsmentalität ist anders als die in Deutschland. Wenige lächelnde Gesichter und manchmal „kalte“ Umgangsformen. Wenn man aber mit den Russen warm geworden ist, sind sie sehr herzlich und ich komme gut mit ihnen ins Gespräch. Obwohl St. Petersburg die europäischste Stadt Russlands ist, ist es sehr von Vorteil die russische Sprache zu beherrschen, da nicht viele Menschen hier Englisch sprechen.

Besonders typisch für mein Aufenthaltsland ist:
Nicht der berühmt-berüchtigte Wodka. Bei den Menschen, die ich getroffen habe, ist der Konsum von großen Mengen an Alkohol verpönt. Dafür habe ich eine Reihe anderer Dinge beobachtet, die typisch für Russland sind: Das Essen ist deftig und lecker. Die Russen packen alles in Teig. Georgische Küche ist hier Kult und Sushi gerade der Renner. Wenn dein Gegenüber bei deinem Vortrag am Handy spielt, ist er oder sie nicht unhöflich, sondern nur multitaskingfähig.

Die Militärkultur ist in Russland stark ausgeprägt. Fast jede Universität hat ein Militärinstitut, das nur eine bestimmte Anzahl an Studierenden annimmt. Das ist quasi ein Zusatzunterricht zum normalen Studium, der später zum Expressschein für den Offiziersrang wird. Im Winter wird es in St. Petersburg sehr früh dunkel. Als Elektrotechnikstudent bin ich jedoch durch mein Studium bestens darauf vorbereitet: Selbst die Bildschirmbräune genügt mir, um nicht depressiv zu werden.

Das habe ich hier in den ersten drei Tagen gelernt:
Drei Sätze, die mir im Alltag das Leben retteten: Я не понимаю (Ich verstehe nicht.), Я не говорю по-русскй (Ich spreche kein Russisch.) und одно пиво пожалуйста (Ein Bier, bitte.).

Außerdem habe ich jede Menge über die Eigenheiten der russischen Kultur, die Infrastruktur und das Sozialleben gelernt: Ich habe mir abgewöhnt, Frauen die Hand zu schütteln. Das ist hier unüblich. E-Mails werden sehr spät oder gar nicht beantwortet. Besser persönlich miteinander reden. Der Verkehr in St. Petersburg ist die Hölle. Ich passe extrem auf, wenn ich eine Straße überquere. Die Türen der Metrozüge schließen, auch wenn eine Hand dazwischen ist. Die Transportmittel hier sind super günstig. 40 Minuten Taxifahren kosten 10 Euro, die Metro nicht mal 50 Cent pro Fahrt. Außerdem gibt es drei Arten von Bussen: Die normalen wie in Deutschland, die Trolleybusse mit  Oberleitungen und die Маршрутка. Das sind Vans mit einzelnen Sitzplätzen. Bisher konnte ich die Busfahrpläne nicht entschlüsseln und meide daher Busse generell.

Öffentliche Plätze haben in Russland eine Polizei- bzw. Militärpräsenz. Ich habe mich noch nie so sicher in der Öffentlichkeit gefühlt wie in Russland. Man trinkt keinen Alkohol auf der Straße und erst recht nicht in der Metro. Ab 22 Uhr ist der Kauf von Alkohol verboten. Gefühlt haben alle Läden 24/7 auf. Schnell mal um 2 Uhr morgens einkaufen gehen, weil man was vergessen hat, ist kein Problem. Und abschließend: Moskau ist die Stadt zum Arbeiten, St. Petersburg mit seiner kulturellen Vielfalt die Stadt zum Leben.

Die bisher größte Herausforderung während meines Aufenthaltes:
Es ist sehr schwer sich mit der russischen Bevölkerung zu unterhalten, wenn man selbst kein Russisch spricht und die anderen kein Englisch. Außerdem habe ich hier noch keinen leckeren Döner gefunden, aber ich habe die Hoffnung noch nicht aufgegeben. Don’t stop believing. Ebenso wie die Suche nach einem guten Wodka.

Das nehme ich von hier mit nach Haus:
Die wunderschönen Erinnerungen an die Reisen durch Russland, den besten Wodka, den ich hier finden konnte und einen Trainingsanzug. Außerdem perfekt trainierte Oberschenkel, weil ich hier so viele Squats mache.

Gut zu wissen

Diese landestypische Speise sollte man unbedingt probieren:
Хачапури, eine  Brotschale gefüllt mit flüssigem Käse und einem Ei darüber. Das ist ein georgisches Gericht und schmeckt super!

Welches Fettnäpfchen sollte man in St. Petersburg vermeiden?
Es gibt eine Döner-Fehde zwischen St. Petersburg und Moskau. Man sollte einen Döner besser шаверма in St. Petersburg nennen, anstatt Шаурма wie in Moskau.

Diesen Tipp gebe ich anderen Studierenden, die ins Ausland gehen möchten:
Kümmert euch frühzeitig um das Visum. Das ist etwas kompliziert, besonders wenn ihr in Russland leben wollt – Stichwort: Registrierung. Das Ministerium für Migration möchte nämlich gerne wissen, wo ihr euch gerade befindet. Lernt vorher ein bisschen Russisch! Ich bin ohne Sprachkenntnisse nach Russland geflogen und es war nicht einfach, dem Taxifahrer nachts mit wenigen Vokabeln zu erklären, dass ich aus Versehen die falsche Adresse eingetippt und eigentlich gar kein Bargeld in der Tasche habe.