27. Januar 2026 | Magazin:

„Das Unfassbare beginnt nicht immer laut“ TU Braunschweig gedenkt der Opfer des Nationalsozialismus

81 Jahre ist es her, dass das Konzentrations- und Vernichtungslager Auschwitz befreit wurde. Es steht stellvertretend für die Menschen, die während der NS-Zeit diskriminiert, verfolgt und ermordet wurden – darunter auch Angehörige der Technischen Universität Braunschweig. Deshalb gedenken die Mitglieder der TU Braunschweig jährlich an der Stolperschwelle vor dem Altgebäude der Opfer des Nationalsozialismus. In diesem Jahr erinnerten TU-Präsidentin Angela Ittel, Marcel Gey und Nora Höft vom Personalrat sowie Luise Kirchner aus dem AStA-Vorstand mit Blumenkränzen, einer Schweigeminute und Ansprachen an die Verfolgten und Ermordeten.

Rund 1,5 Millionen Menschen wurden im Konzentrations- und Vernichtungslager Auschwitz zwischen 1940 und 1945 durch Nationalsozialist*innen ermordet, darunter etwa eine Million Jüdinnen und Juden. Am 27. Januar 1945 hatte der Terror mit der Befreiung durch sowjetische Soldaten ein Ende. Seit 1996 ist dies ein bundesweiter, gesetzlich verankerter Gedenktag, der an die Verbrechen der NS-Herrschaft erinnert. Seit 2005 gehört er zu den internationalen Gedenktagen der Vereinten Nationen.

Zu den im Nationalsozialismus getöteten Menschen zählen unter anderem 6 Millionen jüdische Menschen, 7 Millionen sowjetische Zivilist*innen, 3 Millionen sowjetische Kriegsgefangene, 1,8 Millionen nichtjüdische polnische Zivilist*innen, 312.000 serbische Zivilist*innen, 250.000 Menschen mit Behinderungen, 250.000 Sinti*zze und Rom*nja, tausende Angehörige der LGBTQ+ Community sowie eine unbekannte Anzahl politischer Gegnerinnen und Widerstandskämpfer*innen.

An der TU Braunschweig erinnert seit 2014 eine Stolperschwelle an der Freitreppe vor dem Altgebäude an die Opfer des Nationalsozialismus: „In Erinnerung an die Opfer des Nationalsozialismus an unserer Hochschule. Diskriminiert, entlassen, vertrieben, verfolgt, ermordet.“ Diese hatte der Kölner Bildhauer Gunter Demnig in Kooperation mit dem Verein „Stolpersteine für Braunschweig e.V.“ verlegt. 51 Menschen wurden damals vom nationalsozialistischen Terror an der Technischen Hochschule Braunschweig entlassen, vertrieben und ermordet. Nur elf von ihnen kehrten nach 1945 an die TH Braunschweig zurück. Sechs waren 1945 nicht mehr am Leben.

Gemeinsam legten TU-Präsidentin Angela Ittel, Marcel Gey und Nora Höft vom Personalrat und AStA-Vertreterin Luise Kirchner Blumen an der Stolperschwelle nieder. Danach wurde in einer Schweigeminute der über 50 Angehörigen unserer Universität gedacht, die durch den Nationalsozialismus von der Hochschule vertrieben, entlassen und ermordet wurden. Bildnachweis: Kristina Rottig/TU Braunschweig

TU-Präsidentin Angela Ittel rief in ihrer Rede dazu auf, unsere demokratischen Werte zu schützen. Bildnachweis: Kristina Rottig/TU Braunschweig

Marcel Gey und Nora Höft vom Personalrat erinnerten daran, dass Mitbestimmung der Grundstein von Demokratie ist. Bildnachweis: Kristina Rottig/TU Braunschweig

Luise Kirchner vom AStA-Vorstand erklärte, warum „Nie wieder“ alleine nicht reicht. Bildnachweis: Kristina Rottig/TU Braunschweig

Seit 2014 ist die Stolperschwelle am Altgebäude der Ort des Gedenkens an der TU Braunschweig. Bildnachweis: Kristina Rottig/TU Braunschweig

TU-Präsidentin Angela Ittel ruft dazu auf, unsere demokratischen Werte zu schützen:

(Auszug aus der Rede)

Der Holocaust, dieses ultimative Verbrechen an der Menschlichkeit, war lange Zeit nicht in seiner ganzen Dimension sichtbar. Und vielleicht ist das eine der bittersten Lehren: Dass das Unfassbare nicht immer laut beginnt.

[…] Heute, im Jahr 2026, 81 Jahre nach der Befreiung von Auschwitz, ist und muss dieser Gedenktag eine Mahnung sein – eine Erinnerung daran, wozu Menschen fähig sind. Damals, heute und zu allen Zeiten.

Fremdenhass, Antisemitismus, Homophobie, Ausgrenzung, Extremismus verurteilen wir an der TU Braunschweig aufs Schärfste und sehen mit Sorge, dass diese Tendenzen weltweit wieder viel lauter zu hören sind und teils sogar politische Maxime bestimmen.

Wir erleben eine Rhetorik, die Fakten verdreht. Einen Ton, der Angst sät – und suggeriert, dass Menschenwürde verhandelbar sei.

[…] Wir waren in den letzten Jahrzehnten kaum gefordert, unsere hiesige Demokratie und ihre Werte zu verteidigen. Es schien ein Grundverständnis dazu zu geben. Sie war da und wir haben von ihr profitiert. Aber jetzt wird sie fast täglich hinterfragt und wir müssen wir uns fragen: Wie weit sind wir bereit und fähig uns aktiv für die Werte der liberalen Demokratie einzusetzen?

Ein damals versprochenes „niemals wieder“ ist nicht nur ein Satz für Gedenktage. Es liegt an uns, dieses niemals wieder täglich zu aktualisieren, zu leben und zu schützen.

Marcel Gey und Nora Höft vom Personalrat erinnern daran, dass Mitbestimmung der Grundstein von Demokratie ist:

(Auszug aus der Rede)

Unter den Opfern der Nationalsozialisten waren Jüdinnen und Juden – beispiellos in ihrem Leid –, doch wir gedenken ebenso der Sinti*zze und Rom*nja, der Homosexuellen, der Menschen mit Behinderungen, der Zeugen Jehovas und auch der politischen Gefangenen. Viele von ihnen traten für Freiheit, Demokratie und Menschenrechte ein und bezahlten dafür einen hohen Preis.

Auch Gewerkschaften, Betriebsräte und Personalvertretungen gehörten früh zu den Verfolgten des NS-Regimes. Bereits 1933 wurden sie zerschlagen, ihre Vertreter*innen verhaftet und ihre Strukturen zerstört. Denn dort, wo sich Menschen solidarisch für faire Löhne und würdige Arbeitsbedingungen einsetzten, wird die Diktatur am meisten in ihrer Macht bedroht.

Heute tragen wir dieses Erbe weiter: Als Personalrat und Gewerkschaftsmitglieder setzen wir uns für Mitbestimmung, soziale Gerechtigkeit und den Schutz aller Kolleginnen und Kollegen ein. Dort, wo Menschen an ihrer Hochschule oder auch in ihrem Betrieb gehört werden, mitbestimmen können und Wertschätzung erfahren, wird Demokratie gelebt und Selbstwirksamkeit erfahren.

[…] Wir möchten Sie daher ermutigen: Mischen Sie sich ein, wenn Menschen ausgegrenzt werden. Unterstützen Sie diejenigen, die Diskriminierung erfahren. Tragen Sie in Ihrem Arbeitsumfeld zu einem Klima des Respekts, der Fairness und der Menschlichkeit bei. Jeder kleine Schritt im Alltag stärkt das Fundament eines demokratischen und solidarischen Miteinanders.

Luise Kirchner vom AStA-Vorstand dazu, warum „Nie wieder“ alleine nicht reicht:

(Auszug aus der Rede)

Auschwitz bleibt das traurige Symbol dafür, wohin Faschismus, Nationalismus, Rassismus und Antisemitismus führen.

Auf unserem Kranz zum heutigen Gedenken steht „Erinnern heißt Verändern“. Denn ein Tag wie heute ist ein Mahnmal dafür, was passiert ist – und was wieder passieren kann. Faschistische und menschenfeindliche Ideologien sind in Deutschland und in ganz Europa seit Jahren im Aufschwung.

[…] Wenn wir es ernst meinen damit, Lehren aus dem Nationalsozialismus zu ziehen, dann muss das heißen, sich zusammenzuschließen und sich gemeinsam antifaschistisch zu organisieren. Es muss heißen, dass wir unsere Verantwortung dort wahrnehmen, wo wir selber leben und wirken – an unserer Universität. Und es muss auch heißen, dass wir nicht nur gegen die lauten Faschist*innen stehen, sondern gegen jede menschenfeindliche Ideologie, auch wenn sie von Regierungsparteien, Staat oder Polizei getragen wird.

Also lasst uns heute gemeinsam gedenken – und dann lasst uns gemeinsam handeln. Denn Erinnern heißt verändern.