Werkstatt der Vielfalt Studierende und Menschen mit psychischen Beeinträchtigungen gestalten inklusive Sportgeräte
Die Technische Universität Braunschweig und die Rehabilitationseinrichtung „Lavie Reha“ in Königslutter zeigen, wie gelingende Inklusion aussehen kann: In einem Kooperationsprojekt entwickeln Studierende und Menschen mit psychischen Beeinträchtigungen gemeinsam ein Konzept für Bewegung, Spiel und Sport, das unterschiedliche Voraussetzungen und Bedürfnisse bewusst einbezieht. Dabei entstehen auch neue Sportgeräte – von der ersten Idee bis zur praktischen Umsetzung.

Ein Teil der Sportgeräte, die von den Studierenden und den Teilnehmenden der Rehabilitationseinrichtung entworfen und gebaut wurden. Bildnachweis: Lavie Reha gGmbH
Im Masterstudiengang „Lehramt Sport“ am Institut für Sportwissenschaft und Bewegungspädagogik steht nicht nur die Theorie im Fokus. „Unter dem Motto ‚Werkstatt der Vielfalt‘ wird Sport neu gedacht – vielfältig, zugänglich und sensibel für unterschiedliche Bedürfnisse“, betont Dominik Korte, der das Seminar „Lernwerkstatt“ leitet und in Kooperation mit Elisabeth Viedt von Lavie Reha neu konzipiert hat.
Herzstück des Projekts ist die Holzwerkstatt der Lavie Reha gGmbH, einer gemeinnützigen Unternehmung, die neben den Seminarräumen und Sporthallen der Universität einen zentralen Ort der Lehrveranstaltung bildet. Dort entwickeln und bauen die Studierenden gemeinsam mit den Teilnehmenden der Rehabilitationseinrichtung Sportspielgeräte. Dabei entwerfen sie neuartige Rückschlagspiele nach dem Vorbild bekannter Spiele wie Badminton, Volleyball oder Tischtennis. Unterstützt werden sie von Werkstattleiter und Tischler Heiko Kowski, der sein handwerkliches Know-how einbringt und den kreativen Prozess begleitet.
Begegnung auf Augenhöhe
In der Holzwerkstatt entsteht jedoch weit mehr als nur ein neues Sportgerät. Was entsteht, ist ein gemeinsamer Resonanzraum für den Austausch individueller Voraussetzungen, Fähigkeiten und Erfahrungen sowie Empfindsamkeiten und Grenzen. Die Teilnehmenden von Lavie unterstützen die Sportstudierenden nicht nur mit Ideen, praktischer Expertise und kontinuierlichem Feedback – sie bringen auch ihre eigenen Perspektiven und persönlichen Besonderheiten ein.
Im Zentrum stehen Fragen wie: Wie lässt sich ein Spiel oder das zugehörige Material – etwa Schläger und Ball – so gestalten, dass es besonders leise ist? Welche Gruppeneinteilung, Raumnutzung oder Spielregeln braucht es, um die Geschwindigkeit der Aktionen im Spiel und zwischen den Beteiligten bewusst zu verlangsamen? Solche und ähnliche Überlegungen sind fester Bestandteil der kooperativen Seminargestaltung. Gerade für den schulischen Kontext, der in besonderer Weise von Heterogenität geprägt ist, sind sie von hoher Relevanz.
„Dieses Kooperationsprojekt ist für uns ein wichtiger Zugewinn an Impact Learning und Vernetzung des Instituts. Das Miteinander verändert auch den Blick auf Sport, Bildung, Vermittlung und Menschen, wodurch gerade angehende Lehrkräfte an pädagogischer und fachdidaktischer Professionalisierung für Diversität gewinnen können“, sagt Professorin Esther Serwe-Pandrick, Leiterin des Instituts für Sportwissenschaft und Bewegungspädagogik.
Innovatives Denken entwickelt sich nicht allein im Seminarraum und im Dialog. Es entsteht auch im praktischen Handeln und Ausprobieren. „Hier begegnen sich Menschen wertschätzend, hören zu und tauschen sich aus. Vielfalt wird damit nicht nur thematisiert, sondern gelebt. Die Studierenden profitieren dabei fachlich, aber sie lernen auch, wie wichtig Sensibilität, Kommunikation und Flexibilität sind, wenn Sport wirklich für alle zugänglich sein soll“, fasst die Projektverantwortliche der Lavie GmbH, Elisabeth Viedt, zusammen.
Psychische Gesundheit im Fokus
Ein weiterer Baustein des Projekts ist die enge fachliche Begleitung durch Lavie sowie die partizipative Gestaltung des Seminars. Im Rahmen einer Visitation erhalten die Studierenden Einblicke in den professionellen Umgang mit psychischen Erkrankungen. Eine Lehrkraft sowie eine Psychologin der Braunschweiger Außenstelle stehen für Fragen zur Verfügung: Wie gehe ich mit einem Kind um, das auffällig ängstlich ist? Wie kann ich schwierige Situationen im Unterricht konstruktiv lösen? Wie gestalte ich Bewegung so, dass sie Sicherheit und Teilhabe ermöglicht?
Antworten darauf fließen direkt in die Entwicklung der Sportgeräte und Spielideen ein. Die Studierenden lernen, Sportformate und Bewegungsangebote so zu variieren, dass unterschiedliche Voraussetzungen, Wege und Ziele mitgedacht werden und eine bedarfsgerechte Lehre möglich wird. Sie reflektieren, wie Übungen angepasst, Sicherheitsvorkehrungen eingehalten und Motivation gezielt gefördert werden können. So entwickeln sie ein feines Gespür für individuelle Bedürfnisse und gewinnen die Sicherheit, die sie für inklusiven Sportunterricht benötigen.
Von der Werkbank aufs Spielfeld
Nach der Fertigstellung werden die entwickelten Sportgeräte im Rahmen einer gemeinsamen Abschlussveranstaltung vorgestellt und ausprobiert. Hier zählt nicht einzig sportliches Geschick, sondern Neugier, Offenheit und Freude an Bewegung. Gemeinsam wird getestet, gespielt, reflektiert und weitergedacht.
„Die Kooperation von Universität und Rehabilitationseinrichtung geht über eine klassische Service-Learning-Struktur hinaus. Sie verbindet universitäre Lehre und Expertise, rehabilitative Praxis und gesellschaftliche Verantwortung in einem gemeinsamen Entwicklungs- und Teilhabeprozess“, betont Professorin Serwe-Pandrick. „Dabei entsteht mit dem kreativen Potenzial und Einsatz der Projektverantwortlichen ein Perspektivwechsel durch Begegnung und ein konkreter Beitrag dazu, Bewegung und Sport nicht erst im Schuldienst, sondern bereits in der universitären Bildung inklusiver zu gestalten.“