Individuelle Wege, gesellschaftliche Muster Merle Hinrichsen ist neue Professorin für Außerschulische Bildungsforschung
Bildung findet nicht nur im Klassenzimmer statt. Sie entsteht auch in Familien, Kitas, Jugendgruppen, digitalen Räumen oder zivilgesellschaftlichen Initiativen. Merle Hinrichsen, neue Professorin für Empirische Bildungsforschung mit Schwerpunkt außerschulische Bildung am Institut für Erziehungswissenschaft der Technischen Universität Braunschweig, befasst sich in ihrer Forschung mit genau diesen außerschulischen Orten. Sie untersucht, wie Menschen über die gesamte Lebensspanne hinweg lernen, sich orientieren und ihren Platz in der Gesellschaft finden. Im Zentrum stehen dabei Fragen nach Diversität, Teilhabe und sozialer Ungleichheit. Im Interview spricht sie über ihre aktuellen Projekte und darüber, was sie persönlich motiviert, sich der Bildungsforschung zu widmen.
Warum haben Sie sich für die TU Braunschweig entschieden?
Mich hat überzeugt, dass die TU Braunschweig ein dynamisches Forschungsumfeld bietet, in dem inter- und transdisziplinäre Kooperationen gezielt unterstützt werden. Dieser Ansatz wird für die Erforschung und Gestaltung gesellschaftlicher Transformationsprozesse künftig weiter an Bedeutung gewinnen. Die TU Braunschweig geht hier voran, indem sie Diversität und Internationalisierung als Querschnittsthemen begreift und damit vielversprechende Bedingungen für eine exzellente und auf die Zukunft gerichtete Forschung schafft.
Womit genau beschäftigen Sie sich in Ihrer Forschung? Wie würden Sie Ihre Arbeit einer Person erklären, die nicht mit dem Thema vertraut ist?
Ich untersuche Erziehung, Bildung und Sozialisation in außerschulischen Institutionen und Handlungsfeldern. Dies umfasst ein breites Forschungsfeld, das sich über die gesamte Lebensspanne erstreckt und von der Kita über die Familie und soziale Medien bis hin zu Jugendfreiwilligendiensten oder migrantischen Selbstorganisationen reicht.
Mithilfe empirischer Analysen von Interviews, Gruppendiskussionen, Beobachtungen und Dokumenten unterschiedlichster Art gewinne ich Erkenntnisse dazu, wie Erziehungs-, Bildungs- und Sozialisationsprozesse gesellschaftlich strukturiert und institutionell gerahmt sind. Dabei richte ich den Blick insbesondere auf das Handeln, die Perspektiven und Erfahrungen von Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen. Mich interessiert, wie Menschen sich selbst, andere und die Welt verstehen und wie sich dieses Verständnis über die Zeit verändert.
Was sind die Hauptforschungsbereiche und -projekte, an denen Sie an der TU Braunschweig arbeiten werden?
Die Auseinandersetzung mit Diversität und Teilhabe bildet einen zentralen Kernbereich meiner Forschung. Aktuell untersuche ich, wie grenzüberschreitende Prozesse Bildungssysteme und Biografien verändern und welche (neuen) sozialen Ungleichheiten damit verbunden sind. In einem laufenden Verbundprojekt analysiere ich die soziale und berufliche Integration migrierter Pädagog*innen sowie deren pädagogische Professionalisierung in migrantischen Selbstorganisationen. Ein Fokus liegt dabei darauf, wie Zugangshürden im Hochschulwesen und am Arbeitsmarkt abgebaut werden können – nicht zuletzt, um dem Fachkräftemangel im pädagogischen Bereich zu begegnen.
Ein weiterer Schwerpunkt meiner Arbeit betrifft die Frage, wie sich die Welt der Jugendlichen durch die Digitalisierung verändert und welche Potenziale und Herausforderungen sich daraus für Bildung und politische Partizipation ergeben. Zudem forsche ich zur Bedeutung von Vergessen für individuelle und kollektive Bildungsprozesse. Übergreifend entwickle ich hierbei Methoden der empirischen Bildungsforschung weiter, unter anderem indem ich responsive und partizipative Ansätze integriere, die auf den wechselseitigen Wissenstransfer zwischen Wissenschaft und Praxis zielen.

Professorin Merle Hinrichsen mit dem Vizepräsidenten für Digitalisierung und Nachhaltigkeit der TU Braunschweig, Professor Manfred Krafczyk, und dem Dekan der Fakultät für Geistes- und Erziehungswissenschaften, Professor Jan Standke. Bildnachweis: Jessica Lüders/TU Braunschweig
Was hat Sie dazu bewogen, in diesem Bereich zu forschen?
Seit meinem Studium beschäftige ich mich mit den Themen Bildung, Ungleichheit und Diversität. In meiner Diplomarbeit habe ich zu den Biografien von langzeitarbeitslosen jungen Erwachsenen geforscht. Schon damals war es mir wichtig, gesellschaftlich relevante Fragestellungen – wie die hohe Arbeitslosenquote – genauer zu untersuchen und dabei das Zusammenspiel gesellschaftlicher Strukturen, institutioneller Rahmenbedingungen und subjektiver Perspektiven in den Blick zu nehmen. Mich interessiert seitdem, wie individuelle Lebensgeschichten und gesellschaftliche Strukturbedingungen ineinandergreifen. Die Bildungsforschung sehe ich hierbei als Möglichkeit, Zusammenhänge sichtbar zu machen, die sonst häufig übersehen werden, und auf diesem Wege ein vertieftes Verständnis sozialer Ungleichheiten und ihrer Veränderung zu gewinnen.
Wie sieht Ihr Arbeitsalltag in drei Schlagworten aus?
Organisieren – Forschen – Lehren.
