Chancengleichheit geht uns alle an! Ein Gespräch mit der Gleichstellungsbeauftragten der TU Braunschweig
Ulrike Wrobel ist seit Januar 2020 die zentrale Gleichstellungsbeauftragte der Technischen Universität Braunschweig. 2025 wurde sie erneut im Amt bestätigt und tritt nun ihre zweite Amtszeit an. Zum internationalen Frauentag am 8. März haben wir uns mit ihr über ihre Arbeit unterhalten und darüber, was sie als Gleichstellungsbeauftragte erreicht hat und was ihre Ziele für die neue Amtszeit sind.

Ulrike Wrobel ist die zentrale Gleichstellungsbeauftragte und Leiterin der Stabstelle Chancengleichheit der TU Braunschweig. Bildnachweis: Kristina Rottig/TU Braunschweig
Welche Bedeutung hat Chancengleichheit an der TU Braunschweig für dich?
Als Bildungsinstitution übernimmt die TU Braunschweig eine Vorbildfunktion: Chancengleichheit stärkt langfristig soziale Gerechtigkeit und unser Bewusstsein für eine faire Gesellschaft. Sie sorgt dafür, dass die Mitglieder der TU ihre Potentiale individuell entfalten und fördern können. Dies ist unverzichtbar für exzellente Wissenschaft und produktive Verwaltung.
Gleichstellung und Diversität sind im Hochschulentwicklungskonzept 2030 als strategisches Querschnittsthema fest verankert und in alle Prozesse integriert. Die Umsetzung erfordert engagiertes Teamwork: Jede Führungskraft und jedes Teammitglied trägt Verantwortung in ihren eigenen Bereichen. Offenheit für neue Perspektiven und die Bereitschaft, das eigene Mindset zu hinterfragen, sind entscheidend für den Kulturwandel zu einer inklusiven Universität. It’s everybody’s business – es geht uns alle an!
Warum ist die Position der Gleichstellungsbeauftragten immer noch wichtig?
Als gesetzlich beauftragte Gleichstellungsbeauftragte sind wir eine unabhängige, weisungsungebundene Instanz an der TU Braunschweig. Wir setzen uns für Chancengleichheit aller Geschlechter ein und bieten vertrauliche Beratung bei sexualisierter Belästigung, Diskriminierung, Gewalt sowie Machtmissbrauch – für alle Statusgruppen. Es existiert immer noch auf vielen Ebenen keine Chancengleichheit von Frauen und Männern. Unsere Aufgabe ist es, daran zu arbeiten, dass es keine Nachteile mehr zwischen den Geschlechtern gibt. Der persönliche Austausch ist mir dabei wichtig, um auch die einzelne Person im Blick zu haben. Gleichzeitig ist Gleichstellungsarbeit Führungsaufgabe und braucht nachhaltige Strukturen. Gemeinsam mit der Landeskonferenz der Gleichstellungsbeauftragten (lakog) haben wir eine zukunftsfähige Basis geschaffen, um die TU als Ort des gemeinsamen Lernens, Arbeitens und Wachstums zu gestalten.
Was hast du bisher an der TU erreicht, auf das du besonders stolz bist?
In den letzten zehn Jahren hat es deutliche Fortschritte bei Gleichstellung, Geschlechtergerechtigkeit und Inklusion gegeben, umfassende Konzepte zur Förderung und Gewinnung von Wissenschaftlerinnen wurden entwickelt und der Frauenanteil ist auf allen Karrierestufen kontinuierlich gestiegen. Das ist natürlich nur in einem Team zu schaffen. Ich persönlich habe es geschafft, ein Team aufzubauen, das sich stark macht für diese Themen. Wir gestalten Universität, wir setzen Impulse und wirken intern sowie extern – durch unseren Service und Vernetzung mit zahlreichen Kooperationspartner*innen, der Stadtgesellschaft sowie Schulen und KMU.
Wir – das sind die Referent*innen in den Teams Gleichstellung, Familienbüro und Diversity Office. Wir beraten, betreuen, unterstützen und professionalisieren die intersektionale Gleichstellungsarbeit an der TU Braunschweig. Wir teilen, was wir wissen und lassen andere teilhaben, das bedeutet, wir sind ein verlässliches Team, das seine Kompetenzen stetig ausbaut und anderen anbietet: Sharing is caring!
Was möchtest du in diesem Jahr und in den nächsten Jahren an der TU erreichen?
Ich freue mich, dass ich im vergangenen Jahr in meinem Amt als Gleichstellungsbeauftragte bestätigt wurde und werde meine nächste Amtszeit nutzen, bereits Erreichtes zu stärken und weiterzuentwickeln. Daneben gibt es noch viel Handlungsbedarf auf dem Weg zu einer wirklich inklusiven Universität. Ich habe hier einiges vor, zum Beispiel in der intersektionalen Weiterentwicklung der Gleichstellungsarbeit, der gendergerechten digitalen Transformation und der Stärkung von Karrierewegen von Frauen in MINT-Fächern.
Ich werde an präventiven Maßnahmen mitwirken und Mitglieder unserer Universität, die von Angriffen und Diffamierungen betroffen sind, persönlich unterstützen. Vielfalt leben – Chancengleichheit stärken! Wir schaffen dafür die Rahmenbedingungen.
Soziale Nachhaltigkeit, Demokratie und Partizipation stehen im Zentrum unserer Arbeit: Wir schützen Gleichstellungsstrukturen und Akteur*innen vor Angriffen, übernehmen Verantwortung in unserem Gestaltungsbereich und engagieren uns für die freiheitlich-demokratische Grundordnung sowie eine offene, inklusive Hochschulkultur.
Was wünscht du dir für die TU Braunschweig in Bezug auf die Chancengleichheit?
Für die TU Braunschweig wünsche ich mir die Etablierung geschlechtergerechter Vergütungsstrukturen. Dazu haben wir uns 2024 in dem Beschluss der Hochschulrektorenkonferenz verpflichtet. Hier besteht noch Handlungsbedarf.
Professor*innen, die mit der der TU in Verhandlung stehen, könnten beispielsweise als Datengrundlage vorab eine Übersicht der gemittelten Bezüge aller bereits berufenen Professor*innen in einem definierten Bereich erhalten – das wäre eine neue Maßnahme. Ebenso könnten wir eine nachvollziehbare Systematik der Leistungszulagen für dienstbezogene Aufgaben etablieren, Vergaberegeln und -prozesse veröffentlichen und dazu regelmäßig in ausgewählten Gremien berichten.
Erfolgreiche Gleichstellungsarbeit für die Zukunft der TU Braunschweig bedeutet, klassische Gleichstellungsthemen mit Digitalisierung, Diversität und Krisenresilienz zu verweben. Es gilt, strukturelle Barrieren weiter abzubauen, mit Schnittstellen zu kooperieren und kollegial zusammenzuarbeiten.
Wir haben viel erreicht und es bleibt noch viel zu tun. Allem voran wird es herausfordernd sein, die bisherigen Erfolge zu sichern, das Erreichte weiterzuführen und Bedarfslücken zu schließen.
Wofür setzt du am internationalen Frauentag ein?
Wir müssen gemeinsam handeln – das, was jetzt geschieht, betrifft uns alle! Wir gestalten unseren Arbeitsplatz, unsere Universität, unsere Stadt und übernehmen Verantwortung für unsere freiheitlich-demokratische Grundordnung. Wie Ruth Bader Ginsburg sagte: „Kämpfe für die Dinge, die dir wichtig sind. Aber tu es so, dass andere sich dir anschließen.“ Genau deshalb ist es jetzt unerlässlich, antidemokratischen und antifeministischen Tendenzen sowie autokratischen Ideologien deutlich entgegenzutreten.
Vielen Dank für das Gespräch.