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Jüdische Nachbarn zwischen vordergründiger Integration und nationalsozialistischer Verfolgung: Beispiele aus dem Landkreis Gifhorn 24.11.2017 | 19:00 Uhr - 20:30 Uhr

Momentan ist die Sonderausstellung „Deutsch und Jüdisch – eine Kabinettausstellung des Leo Baeck Instituts New York | Berlin auf Reisen“ im Historischen Museum Schloss Gifhorn zu sehen. Sie beleuchtet die historische Wechselwirkung deutsch-jüdischer Koexistenz. Dabei richtet sie das Augenmerk auf die herausragenden intellektuellen und kulturellen Errungenschaften von Juden in Deutschland, die seit über 1000 Jahren untrennbarer Bestandteil der deutschsprachigen Regionen und ihrer Geschichte sind.

Heute leben in der Stadt Gifhorn und im Landkreis als Spätfolge des nationalsozialistischen Holocausts nur ganz ausnahmsweise Juden. Doch so genannte Landjuden waren hier Jahrhunderte ansässig, gehörten in ihrer Vielfalt als in den religiösen Traditionen Gebundene, Assimilierte oder auch vollkommen Säkularisierte lange dazu. Der Doppelvortrag von Reiner Silberstein, Redakteur der Braunschweiger Zeitung, und Dr. Manfred Grieger, Lehrbeauftragter an der Georg-August-Universität Göttingen, will anhand zweier Fallbeispiele die Nöte der vom NS-Regime als Juden Verfolgter und die Rolle rassistischer Aktivisten und Strukturen bei der Ausgrenzung und Diskriminierung aufzeigen.

Ausgerechnet im Wohnort des NSDAP-Kreisleiters Ernst Lütge stellte die Meiner Kirche 1930 einen halbjüdischen Pastor ein: Rudolf Gurland. Der Geistliche führte all die Jahre Tagebuch und sammelte seinen kompletten Briefverkehr. Sein Sohn ließ daraus später ein 500-seitiges Buch drucken – aus dem wird Reiner Silberstein berichten und zitieren. Das Buch beschreibt nicht nur das einfache Leben im Papenteich während des Nationalsozialismus, sondern vor allem das besondere berufliche Schicksal Gurlands. Es ist ein Paradebeispiel an schrittweiser und systematischer Isolation und Denunzierung der ganzen Pastorenfamilie durch die Nazis. Es begann mit dem Ausschluss der Söhne aus der Hitlerjugend, ging über Sticheleien, Drohbriefe und Verbote für Parteimitglieder, mit Gurland zusammenzuarbeiten, bis hin zu Bannern direkt neben der Kirche: „Juden sind hier nicht mehr erwünscht!“ Schon das Verhalten mancher Kirchenvorstände bei der Einstellung Gurlands 1930 zeigt, dass es im Papenteich für die antisemitische Haltung gar nicht erst die „Machtergreifung“ Hitlers gebraucht hatte. Später schlug sie in offene Hetze um. Immer mehr Unterstützer und Freunde Gurlands knickten unter dem Druck der Nazis ein. Als 1939 selbst der Landesbischof ihm zum freiwilligen Rücktritt riet, gab Gurland seine Stellung auf.

Dem am 9. Januar 1885 in Osterholz-Scharmbeck geborene Julius Katz widmet sich Dr. Manfred Grieger in seinem Beitrag. Julius Katz lebte seit 1919 in Groß-Oesingen und arbeitete dort als Sattler/Polsterer und Tapezierer. Nach 1933 erfuhr sein Geschäft deutliche Einnahmeeinbußen, was 1938 zur Geschäftsaufgabe zwang. Mit seiner Ehefrau Hanni durchlebte er eine Zeit drohender Existenzvernichtung. Durch seine Ehe mit einer Christin gehörte er zu der von den Nationalsozialisten geschaffenen Kategorie der in „nichtprivilegierten Mischehen“ lebenden Juden, die von der Deportation nur „zurückgestellt“ waren. Erst der Einmarsch der Amerikaner beendete die Furcht, als „Volljude“ in die Vernichtungslager deportiert zu werden.

Referent/in

Reiner Silberstein, Redakteur der Braunschweiger Zeitung, und Dr. Manfred Grieger, Lehrbeauftragter an der Georg-August-Universität Göttingen

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