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„Die Welt in der Nußschale“ Der Biograph Richard Friedenthal (1896 – 1979) und sein Exil in England 18.05.2017 | 19:00 Uhr - 20:30 Uhr

Richard Friedenthal stammte mütterlicherseits aus der braunschweigischen Familie Elster. Er lebte mit seiner Familie in Berlin und im Spätherbst 1938 verließ er Deutschland, um nach England ins Exil zu gehen. Da sein Vater Jude war, galt Richard Friedenthal als jüdischer Schriftsteller. Während er in den Polizeiakten »als nicht zu beanstanden« geführt wurde, war er von der Reichsschrifttumskammer bereits »ausgeschieden« worden: »mein Name verschwand aus dem Buchhandel; ich wurde zu einer Art Un-Person in offizieller Hinsicht«.

Die Bibliothek des British Museum wurde in dieser Zeit sein wichtigster Arbeitsplatz. Nach der Kriegserklärung Großbritanniens an Deutschland wurden die Flüchtlinge und Emigranten in England interniert, 1940 auch Richard Friedenthal. Vom 15. Juli 1940 bis 8. Februar 1941 befand er sich überwiegend in einem Lager auf der Isle of Man. Diese Zeit hat Friedenthal 1955 in dem Roman Die Welt in der Nußschale verarbeitet. Er ist eines der besten literarischen Werke von Richard Friedenthal und zu Unrecht heute vergessen. Wie kaum ein anderes Werk bietet dieser Roman für einen kurzen Moment auch Einblick in die persönliche Seelenwelt Friedenthals in ihrer so tiefgehenden Empfindsamkeit, die seine Persönlichkeit bis ins hohe Alter bestimmte. Geradezu grandios ein Kapitel, das kulturelle Sehnsucht in einer Welt des Untergangs in einzigartiger Weise ausdrückt: emigrierte Musiker spielen unter Leitung eines Dirigenten Beethovens Achte vom Anfang bis zum Ende, jedoch ohne Instrumente und nur in mimischer Darstellung. Es ist dies ein Roman-Kapitel, das eine Schlüsselfunktion zum Verständnis des Literaten Richard Friedenthal ebenso darstellt wie es ein Bild symbolischer Kraft deutscher Kultur zur Überwindung der Barbarei der Diktatur ist.

Referent/in

Prof. Dr. h.c. Gerd Biegel

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